In books we trust | # 19

Nichts gesucht, aber immer was gefunden. Bei trooboox findest du die tollsten Tipps für Bücher, die echt Freude bereiten.

[tru:buks] |  Zukunftsautos von gestern | Ein Hochhaus in der Lindenstrasse | aller Laster Ende | untwitter-bare Wörter | mehr Meer mit mare  | Helnweins Kinderbilder-Buch  | & der tolle Tipp für Karl-Heinz 

oox_favicon

(c) Alamy Gorya

Diese Autos waren gestern mal Autos von morgen. Andächtig verneigt sich der Stardesigner Giuseppe Bertone vor seinem Alfa Romeo Carabo. Bertone war einer der Vordenker für die automobile Zukunft und seine keilförmigen Konzeptstudien passten schon mal unter die Schranke der Werkstore in Turin. Der reich bebilderte Band Fast Forward zeigt, dass die Mobilität mit Autos – noch! – ein Synonym für die gesellschaftliche Vorwärtsbewegung ist: Autos bringen uns nicht nur an Ziele, ihre Weiterentwicklung ist immer noch Symbol für technische und wirtschaftliche Fortentwicklung. Das Buch ist eine umfangreiche und unterhaltsame Chronik der Concept Cars. Die automobilen Versuchsballons werden in ihrem zeitgeschichtlichen background positioniert: die 30/40er Jahre waren von Streamlinern in Tropfenform geprägt, die 50er standen für Chrom-Orgien und Haifischflossen, die 60er für space ships in neuen grellen Farben und die neunziger Jahre schließlich für „me, myself and I“. Immer waren die Designer Kultur-Ikonen, wir erfahren viel über ihre Ideen, ihre Arbeitsweisen und über ihre Einflüsse bei den Autos, die letztlich im Verkaufsräumen der Automarken landeten. Mangels technischer Möglichkeiten räumten  die Stardesigner wenig Raum für neue Antriebstechniken ein. „e-Auto“ stand lange Zeit nur für elektrisch verstellbare Außenspiegel und Fensterheber. Erst seit der Jahrtausendwende fließen neben dem Design auch grundsätzliche Gedanken zur Mobilität des Individuums in die Konzeptstudien mit ein.

Und was wir beim Lesen von Fast Forward noch lernen: Autos bleiben Spielzeuge fürs Leben. Auch wenn Googles Entwicklungschef für Automobilität sagt: “ Wir bauen kein Auto. Wir bauen einen sicheren Fahrer.“

 Fast Forward, Autos für die Zukunft, die Zukunft des Autos € 49,80 | click.

 

Die Schulzes von nebenan: Lebensgeschichten auf 102 Etagen. Hochhäuser sind – so fern sie wohnlich und nicht als stupide Büros genutzt werden – ein besonderer Mikrokosmos. Ähnlich wie Menschen im Hotel bieten sie genügend Geschichten mitten aus dem privaten, sozialen und politischen Leben. Betrogene Partner, vernachlässigte Rentner, schwer erziehbare Kinder, skurile singles und durch geknallte Wohngemeinschaften erzählen in jeder Etage eine eigene short short story, mal als humoriger Cartoon, mal als nachhaltiger Comic strip. Als studierte Architektin weiß die Berliner Künstlerin Katharina Greve, wie wichtig die Statik beim Bau ist: immer wieder verwebt sie Geschichten mit anderen Etagen und Menschen und gibt dem Turmbau Stabilität, denn alles passiert gleichzeitig. Alles wie eine Kurzfassung der Lindenstrasse, nur wesentlich kompakter und vor allem lustiger.

Medial wurde Greve am 11. Februar 2013 berühmt: Ihr Cartoon-Beitrag zu einem Abreisskalender am Vortag zeigt Papst Benedikt mit den Worten „Morgen trete ich zurück.“ Wie wahr. Das Hochhaus ist im Herbst 2015 als Internetserie  gestartet und nun als echtes Buch zum Blättern gelandet – ein toller Baufortschritt!

Katharina Greve, Das Hochhaus, € 20 | click.

© 2017, Peter Piller / Capitain Petzel: VG Bild-Kunst, Bonn

Aller Laster Ende: mobile Kunst auf der Autobahn. Diese Idee kann nur in einem Autobahnstau entstanden sein – hinter gefühlten 500 LKWs wartend: drei Jahre war der Foto-Künstler Peter Piller auf Autobahnraststätten unterwegs und fotografierte die bebilderten Rückseiten von LKWs. In sein Buch Erscheinungen kamen allerdings nur Werbemotive von Frauen in 80 großformatigen Abbildungen. Immer wieder stellt Piller neue Bildarchive zusammen: nach „Schießende Mädchen“ und „Schlafende Häuser“ eben LKW-Rückansichten, die wir tagtäglich sehen, aber nicht wirklich wahrnehmen. Diesmal eben ein Buch mit weiblichen Werbebildern. Die Texte dieser fahrenden Werbeflächen lässt Piller allerdings verschwinden – wir wissen also nicht, um welches Botschaft geht – und zeigt damit, was mit Werbung geschieht, wenn man ihr die message nimmt. Übrig bleiben wenig marienhafte Erscheinungen, die plötzlich vor uns auf der Autobahn auftreten. Und die Überraschungen über Ikonen der Logistik als Versatzstücke einer ironischen und leicht abgründigen Pop- und Werbekultur. Unser nächster Stau wird anders, denn Kunst ist überall zu entdecken. Wir müssen sie nur erkennen, nicht nur auf der linken Spur. Ein Augen öffnendes  Buch und ein echtes Sammlerstück.

Archiv Peter Piller, Erscheinungen, € 49,80 | click.

Ein Buch über twitter-untaugliche Begriffe. Faszinierend, wie man mit einem einzigen Wort ganze Gefühle und Handlungen beschreiben kann und zum Glück nicht übersetzen kann. So z.B. gibt es im niederländischen ein Wort für „nach draußen gehen und sich den Kopf und die schweren Gedanken vom Wind durchwehen zu lassen“. Oder in Feuerland „zwei oder mehr Menschen sitzen beisammen und kommen durch Blickkontakte zu der stillschweigenden Übereinkunft, dass etwas unternommen werden muss, aber niemand möchte den ersten Schritt tun“ – wow! Ein hawaiianisches Wort beschreibt folgendes Ereignis: „Der Zustand, der eintritt, wenn man sich eine Wegbeschreibung anhört, dann losläuft und sie augenblicklich wieder vergisst.“ Kennt jeder! Auch ein Wort aus Südindien wurde für folgenden Zustand ins Buch genommen: „Der Abdruck, der auf der Haut zurückbleibt, wenn man zu Enges getragen hat.“ Dazu passt eines der wenigen deutschen, nicht übersetzbaren Wörter: „Kummerspeck“. Die jeweiligen Original-Wörter könnt ihr im Buch entdecken, das durch seine Illustrationen zu einem netten, für jeden passenden Geschenkbuch taugt.

Lost in Translation, € 18.– | click.

(c) Jodi Bieber

Geschichten rund ums Meer. Die Zeit-schrift mare feiert sich zurecht mit einem opulenten Leinenband für 20 Jahre Qualität in Inhalt, Optik und Haptik. Von Anfang an hilft mir mare meine Sehnsucht nach dem Meer zu stillen (oder wenigstens einem ordentlichen See). Mit kleinen Geschichten und großartigen Fotoreportagen, Anekdoten, Buchrezensionen und Kochrezepten aus Kneipen und Restaurants, in denen ich wahrscheinlich nie Platz nehmen werde. Mit diesem herrlichen Buch sind wir mitten drin: an den Küsten, am Strand, auf hoher See oder unter Wasser. Und hören gespannt den Geschichten zu, die uns mare vom Meer erzählt. Und die besten davon über diesen ganz besonderen Lebens- und Kulturraum sind in diesem Jubiläumsband gesammelt: über die unerschrockenen Kadetten der sowjetischen Marine, über die anstrengende Kohleförderung aus dem Meer, über den unglaublichen Fischmarkt in Tokio und ein maritimes Altersheim in Italien für verdiente Seeleute u.v.a.

mare – Fotografien aus 20 Jahren, € 89.– | click.

(c) Gottfried Helnwein

Kinder ohne Kindheit.  In seinem neuen Buch sammelt Gottfried Helnwein zusammen, wie sich der österreichische Maler seit Jahrzehnten am vielfältigen Thema Kind abarbeitet. Und zwar radikal zwischen zwei Polen: einerseits auf Grundlage seiner Sozialisation in Entenhausen, andererseits durch die fehlende Nachkriegs-Aufarbeitung der nationalsozialistischen Zeit. Helnwein nimmt auch die reale Schrecken vorweg, wie aktuelle Skandale in Schulen und Heimen zeigen. Selbst Helnweins Micky Maus zeigt ihre dunkle Seele.

 

Immer wieder projiziert Helnwein seinen künstlerischen Ausdruck zur Selbstverstümmelung  in die Deformationen seiner Bildmotive. Die kindliche Umgebung, ihre Körper, Gesichter und Seelen werden verwundet und deformiert.  Zwischen Leid und Albtraum platziert er Manga-Erotik und Versatzstücke aus Entenhausen. Der großformatige Band enthält eine umfangreiche Auswahl, aufschlussreiche Zitate des Künstlers und eine ausführliche und informative Biografie. Helnwein liefert den Schlüssel für das Abgründige in seinen Bildern mit: „Für mich ist die Leinwand wie eine Bühne, auf der ich mein Spiel inszeniere: Und ich bringe alle Akteure zusammen. . . In meiner Erzählung haben alle gleiche Rechte – ganz egal ob Donald Duck, ein Kind und Adolf Hitler.“

Gottfried Helnwein: Kind, € 39,95 | click.

 

 Der tolle Tipp für Karl-Heinz:

 

Warum nicht mit Atomkraft Auto fahren?U-Boote tun’s ja auch. Mitte der 50er Jahre legte Ford mit dem „Nucleon“ eine Konzeptstudie vor, die auf die Kraft der Kernspaltung setzte. Der Nucleon sollte mit daraus gewonnenem Wasserdampf eine ordentliche Reichweite besitzen. Wenn man bedenkt, dass 1913 ein Viertel des US-Automarkts mit E-Autos betrieben wurde, muss man nur etwas die Phantasie spielen lassen. Rückgabe der Brennstäbe an deiner örtlichen Tankstelle. Der Nucleon ist nicht in Fast Forward, dafür andere, tolle Fahrzeugstudien.

Fast Forward, Autos für die Zukunft € 49,80 | click.

Literaturblogs  >  Herbert liest  | buchrevier  |  masuko13

Hinweis: die Bücher-posts entstehen unabhängig von den ausgewählten Verlagen. Für Bestellungen über die Links zu Amazon.de erhalte ich eine minimale Werbekostenerstattung im Rahmen des Partnerprogramms von Amazon EU.  © Kurt Pohl, Hanselfeld 5, 86698 Oberndorf, trooboox@t-online.de