In books we trust | # 18

Nichts gesucht, aber immer was gefunden. Bei trooboox findest du die tollsten Tipps für Bücher, die echt Freude bereiten.

[tru:buks] |   mehr Meer mit mare  | Helnweins Kinderbilder-Buch und seine Ausstellung in Kärnten |  der Sprung ins kalte Wasser | & der tolle Tipp für Karl-Heinz 

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(c) Evgenia Arbugeva

Geschichten rund ums Meer. Die Zeit-schrift mare feiert sich zurecht mit einem opulenten Leinenband für 20 Jahre Qualität in Inhalt, Optik und Haptik. Von Anfang an hilft mir mare meine Sehnsucht nach dem Meer zu stillen(oder wenigstens einem ordentlichen See). Mit kleinen Geschichten und großartigen Fotoreportagen, Anekdoten, Buchrezen-sionen und Kochrezepten aus Kneipen und Restaurants, in denen ich wahrscheinlich nie Platz nehmen werde, obwohl Charles Trenet aus der Musikbox la mer singt. Mit diesem herrlichen Buch sind wir mitten drin: an den Küsten, am Strand, auf hoher See oder unter Wasser. Und hören gespannt den Geschichten zu, die uns mare vom Meer erzählt. Und die besten davon über diesen ganz besonderen Lebens-, Kultur- und Ökologieraum sind in diesem Jubiläumsband gesammelt: über die unerschrockenen Kadetten der sowjetischen Marine, über die anstrengende Kohleförderung aus dem Meer, über den unglaublichen Fischmarkt in Tokio und ein maritimes Altersheim in Italien für verdiente Seeleute.

(c) Jodi Bieber

In den aktuellen Ausgaben von mare könnte an einigen Stellen im Heft etwas Salzkruste abgeklopft werden. Aber in einem verblassenden Markt für qualitativ aussergewöhliche Printmagazine wünsche ich dem mare-Team Kraft für den nächsten Jubiläumsband in 2037.

mare – Fotografien aus 20 Jahren, € 89.– | click.

(c) Gottfried Helnwein

Kinder ohne Kindheit. Dem neuen Buch von Gottfried Helnwein nähere ich mich über das Städtchen Bleiburg in  Kärnten (Autobahnausfahrt Griffen, dem Geburtsort Handkes). Und erlebe in der Hauptstraße gleich eine Überraschung: die niedrigen Bürgerhäuser sind mit überformatigen Kopien von Helnwein-Bildern dekoriert. Respekt an die Bewohner,  denn Bleiburg wirkt bei knapp 4.000 Einwohnern nicht gerade wie eine Kunst-Metropole. Aber immerhin im Kern malerisch. Das Buch erscheint zur Ausstellung im WERNER BERG MUSEUM mit über 70 Werken zum Thema Kind. Der Mut der Bewohner zu den teilweise verstörenden Motiven ist bemerkenswert. Die Bilder weichen von dem ab, was üblicherweise  als Kinderporträt zu verstehen ist. Sein neues Buch sammelt zusammen, wie sich der österreichische Maler seit Jahrzehnten am vielfältigen Thema Kind abarbeitet. Und zwar radikal zwischen zwei Polen: einerseits auf Grundlage seiner Sozialisation in Entenhausen, andererseits durch die fehlende Nachkriegs-Aufarbeitung der nationalsozialistischen Zeit bis hin zu den medizinischen und menschenverachtenden Greuel-Versuchen eines Josef Mengele.

Immer wieder nimmt Helnwein seinen Kindermotiven alles kindliche, unschuldige und naive und ersetzt es durch raue Wirklichkeit, mutet dem Kindsein die vielfältigen Schrecken des Erwachsenen zu. Er nimmt in Kauf, dass das Betrachten der Bilder bis an Schmerz- und Geschmacksgrenzen geht – wegschauen wie früher geht nicht. Denn Helnwein nimmt auch die reale Schrecken vorweg, wie die Skandale um die Regensburger Domspatzen und die Wiener Kinder-Psychiatrie „Am Steinhof“ zeigen. Selbst Helnweins Micky Maus zeigt ihre dunkle Seele.

Immer wieder projiziert Helnwein seinen künstlerischen Ausdruck zur Selbstverstümmelung  in die Deformationen seiner Bildmotive. Die kindliche Umgebung, ihre Körper, Gesichter und Seelen werden verwundet und deformiert. „Ich hatte den Eindruck, den Erwachsenen um mich herum war immer irgendetwas peinlich. Ich habe es selbst nie verstanden, aber meinen Eltern war alles peinlich. Ich weiß es nicht, aber vielleicht war den Menschen des Kleinbürgertums ihre eigene Existenz peinlich.“ Helnwein ist nichts peinlich und schon gar nichts heilig. Zwischen Leid und Albtraum platziert er Manga-Erotik und Versatzstücke aus Entenhausen.

Der großformatige Band enthält eine umfangreiche Auswahl, aufschlussreiche Zitate des Künstlers und eine ausführliche und informative Biografie. Helnwein liefert den Schlüssel für das Abgründige in seinen Bildern mit: „Für mich ist die Leinwand wie eine Bühne, auf der ich mein Spiel inszeniere: Und ich bringe alle Akteure zusammen. . . In meiner Erzählung haben alle gleiche Rechte – ganz egal ob Donald Duck, ein Kind und Adolf Hitler.“

Die Gemeinschaftsausstellung Helnwein/Berg läuft bis 29.Oktober. Der Ausflug nach Kärnten und das Buch bieten unerwartete Erfahrungen.

Gottfried Helnwein: Kind, € 39,95 | click.

Für alle Gegner von swimming pools und Badeanstalten: der Sprung ins kalte Wasser. Der Brite David Start verknüpft seit Jahren das Angenehmste mit dem Nützlichen. Zusammen mit seiner Frau bereist er Europa auf der Suche nach den schönsten Schwimmplätzen in beeindruckender Natur und macht dann begehrenswerte Bücher daraus. Das Ziel im neuesten Buch über Frankreich sind dabei weder das Mittelmeer und der Atlantik, sondern unentdeckte Seen, Flüsse und atemberaubende Wasserfälle  im Inneren des Landes.   Schönen Badeurlaub und Bade-hose nicht vergessen!

Wild Swimming Frankreich, € 22,95 | click.

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Der tolle Tipp für Karl-Heinz:

Ein Buch über twitter-untaugliche Begriffe. Faszinierend, wie man mit einem einzigen Wort ganze Gefühle und Handlungen beschreiben kann und zum Glück nicht übersetzen kann. So z.B. gibt es im niederländischen ein Wort für „nach draußen gehen und sich den Kopf und die schweren Gedanken vom Wind durchwehen zu lassen“. Oder in Feuerland „zwei oder mehr Menschen sitzen beisammen und kommen durch Blickkontakte zu der stillschweigenden Übereinkunft, dass etwas unternommen werden muss, aber niemand möchte den ersten Schritt tun“ – wow! Ein hawaiianisches Wort beschreibt folgendes Ereignis: „Der Zustand, der eintritt, wenn man sich eine Wegbeschreibung anhört, dann losläuft und sie augenblicklich wieder vergisst.“ Kennt jeder! Auch ein Wort aus Südindien wurde für folgenden Zustand ins Buch genommen: „Der Abdruck, der auf der Haut zurückbleibt, wenn man zu Enges getragen hat.“ Dazu passt eines der wenigen deutschen, nicht übersetzbaren Wörter: „Kummerspeck“. Die jeweiligen Original-Wörter könnt ihr im Buch entdecken, das durch seine Illustrationen zu einem netten, für jeden passenden Geschenkbuch taugt. Nur der Titel ist schwach und gehört einfach dem Film!

Lost in Translation, € 18.– | click.

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