In books we trust # 20

Kurt Pohl

Nichts gesucht, aber immer was gefunden. Bei trooboox findest du die tollsten Tipps für Bücher, die echt Freude bereiten.

[tru:buks] |  Wim Wenders entspannte Biographie in Polaroids | Die dunkle Seite der Architektur | Zukunftsautos von gestern | Ein Hochhaus in der Lindenstrasse | aller Laster Ende |  & der tolle Tipp für Karl-Heinz 

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Unser Treffen mit Wim Wenders hatte KaHa Mayer ein-gefädelt. Kurz bevor Der Amerikanische Freund in den Kinos anlief, empfing uns Wenders mit der scheuen (oder desinteressierten) Lisa Kreuzer in seiner Münchener Villa, wo wir gemeinsam Standfotos in bestechendem schwarz/weiß für unser Literaturmagazin auswählten. Auf dem Tisch lagen jede Menge Fotos von Dennis Hopper, wir wählten das ausdrucksstärkste für das Cover. Damit wurde es für 1977 ein richtig cooles Heft, aber auch unser vorletztes. Als ich jetzt auf der Buchmesse Wenders Buch Sofort Bilder entdeckte, ärgerte ich mich, dass wir ihn damals nicht nach seinen Polaroids gefragt haben.

Sofort Bilder ist eine wunderbar entspannte Autobiographie in über 400 Polaroids aus Wenders frühen Filmjahren, garniert mit shortshort stories seiner Erlebnisse und wenigen Fotos von Annie Leibovitz. Wie anders als so, sollte ein Künstler wie Wenders sein Leben erzählen – als in Bildern rund um seine Filme. Für den Leser und Betrachter ist es ein großes Glück, dass diese Lebensschau in Fotos einer Polaroid SX 70 geschieht, die immer wie Originalschnipsel Leben wirken.  Wie in seinen Roadmovies entwickelt sich sein Leben fast wie ohne Plan und Drehbuch, vieles, was dokumentiert ist, geschieht einfach und ergibt erst zum Schluss ein Ganzes. Und wie die echten Lebensgeschichten haben die Polaroids  immer wieder Kratz- oder Knickspuren, sind in ihren Farben verblasst, und manche wirken in ihrer Unschärfe wie Filmschnipsel in Zeitlupe. Wenders erzählt von seinen Begegnungen mit Peter Handke und Filmgrößen wie Sam Fuller, Sam Shepard, Nicolas Ray und eben auch mit Annie Leibovitz auf einer gemeinsamen Autofahrt von San Francisco nach Los Angeles. Und dann ist da noch sein ganz besonderer Abschied von John Lennon: mit einem Kurztrip nach New York beendet Wenders für sich das Ende einer ganzen Ära.

In der deutschen Filmlandschaft nahm Wim Wenders schnell eine besondere Stellung ein. Kaum war der cineastische Aufbruch im Deutschland der sechziger Jahre durch Regie-Kollegen mit urdeutschen Themen und Manifesten geschafft, setzte er sich ab und erschloss sich die Welt, bevorzugt in den Vereinigten Staaten. Zuvor zeigte er uns noch, dass Oberfranken und Arizona nur einen Steinwurf  voneinander entfernt sind. Es war lediglich eine Frage des Bildausschnitts. Und auch der Bildausschnitt ist es, der viele Polaroids wie Vorläufer von selfies und von hektischen shots der frühen smartphones wirken lässt, ohne Inszenierung, flüchtig und bisweilen schlampig. Vielleicht trauert Wenders deswegen diesen Zeiten ein wenig nach: „Das Gefühl, dass es ein Original gibt, also etwas, was wirklich existiert und deswegen auf eine andere Art und Weise Beweis ist, dass das stattgefunden hat – diesen Glauben haben wir eigentlich alle irgendwie verloren. … Heute machen wir mehr Bilder als je zuvor, aber es entstehen dabei keine Originale mehr.“

Wim Wenders, Sofort Bilder, € 49,80 | click

Wer Originale sehen will, hat mehrere Chancen: bis 11. Febuar ist die Ausstellung mit seinen Polaroids in der Londoner Photographer’s Gallery zu sehen, danach bei C/O Berlin.

Ein Buch über die dunkle Seite der Architektur. Dafür spar ich mir den Witz über Schwarzbauten. BLACK ist ein Bildband über Häuser in einer Farbe, die für viele keine ist: schwarz. Über 150 Beispiele aus 1000 Jahren belegen, dass Häuser nicht weiss, grau oder beige sein müssen. Schwarze Häuser sind extravagant und schlicht zugleich, in jedem Fall – wenn es die lokale Bauordnung zulässt – sehr akzentuiert. Sie wirken geheimnisvoll, mitunter düster und unnahbar, vielleicht ist es deshalb die Farbe von vielen Bürogebäuden. Unter den abgebildeten Häusern sind Bauten bekannter Architekten wie Mies van der Rohe, es gibt aber auch viel neues und unbekanntes zu entdecken. Die Autorin hat mit Kirchen, Bibliotheken und Museen viel öffentliches und imposantes schwarz zusammengesammelt. Ein richtig überraschendes Exponat hat Stella Paul zwei Stunden nördlich von New York entdeckt. Die Villa Peakock Hill des exzentrischen Künstlerpaares Rob Pruitt und Jonathan Horowitz erinnert an Hitchkocks Psycho – ein Haus als bewohnbares Kunstwerk. Schwarz ist also doch eine richtig gute Hausfarbe!

Das Buch ist nicht nur wegen des schwarzen Umschlags und den überraschenden Häusern ein Gewinn, auch die Texte können sich lesen lassen. In Summe ist das Buch ist für uns alle, die schwarze Häuser supercool finden, dann aber ihrem Maler sagen „nee, doch lieber nich.“ Wozu gibt es schließlich schwarze Legosteine!

Stella Paul, Architecture in Monochrome, € 28,99 | click.

(c) Alamy Gorya

Diese Autos waren gestern mal Autos von morgen. Andächtig verneigt sich der Stardesigner Giuseppe Bertone vor seinem Alfa Romeo Carabo. Bertone war einer der Vordenker für die automobile Zukunft und seine keilförmigen Konzeptstudien passten schon mal unter die Schranke der Werkstore in Turin. Der reich bebilderte Band Fast Forward zeigt, dass die Mobilität mit Autos – noch! – ein Synonym für die gesellschaftliche Vorwärtsbewegung ist: Autos bringen uns nicht nur an Ziele, ihre Weiterentwicklung ist immer noch Symbol für technische und wirtschaftliche Fortentwicklung. Das Buch ist eine umfangreiche und unterhaltsame Chronik der Concept Cars. Die automobilen Versuchsballons werden in ihrem zeitgeschichtlichen background positioniert: die 30/40er Jahre waren von Streamlinern in Tropfenform geprägt, die 50er standen für Chrom-Orgien und Haifischflossen, die 60er für space ships in neuen grellen Farben und die neunziger Jahre schließlich für „me, myself and I“. Immer waren die Designer Kultur-Ikonen, wir erfahren viel über ihre Ideen, ihre Arbeitsweisen und über ihre Einflüsse bei den Autos, die letztlich im Verkaufsräumen der Automarken landeten. Mangels technischer Möglichkeiten räumten  die Stardesigner wenig Raum für neue Antriebstechniken ein. „e-Auto“ stand lange Zeit nur für elektrisch verstellbare Außenspiegel und Fensterheber. Erst seit der Jahrtausendwende fließen neben dem Design auch grundsätzliche Gedanken zur Mobilität des Individuums in die Konzeptstudien mit ein.

Und was wir beim Lesen von Fast Forward noch lernen: Autos bleiben Spielzeuge fürs Leben. Auch wenn Googles Entwicklungschef für Automobilität sagt: “ Wir bauen kein Auto. Wir bauen einen sicheren Fahrer.“

 Fast Forward, Autos für die Zukunft, die Zukunft des Autos € 49,80 | click.

Die Schulzes von nebenan: Lebensgeschichten auf 102 Etagen. Hochhäuser sind – so fern sie wohnlich und nicht als stupide Büros genutzt werden – ein besonderer Mikrokosmos. Ähnlich wie Menschen im Hotel bieten sie genügend Geschichten mitten aus dem privaten, sozialen und politischen Leben. Betrogene Partner, vernachlässigte Rentner, schwer erziehbare Kinder, skurile singles und durch geknallte Wohngemeinschaften erzählen in jeder Etage eine eigene short short story, mal als humoriger Cartoon, mal als nachhaltiger Comic strip. Als studierte Architektin weiß die Berliner Künstlerin Katharina Greve, wie wichtig die Statik beim Bau ist: immer wieder verwebt sie Geschichten mit anderen Etagen und Menschen und gibt dem Turmbau Stabilität, denn alles passiert gleichzeitig. Alles wie eine Kurzfassung der Lindenstrasse, nur wesentlich kompakter und vor allem lustiger.

Medial wurde Greve am 11. Februar 2013 berühmt: Ihr Cartoon-Beitrag zu einem Abreisskalender am Vortag zeigt Papst Benedikt mit den Worten „Morgen trete ich zurück.“ Wie wahr. Das Hochhaus ist im Herbst 2015 als Internetserie  gestartet und nun als echtes Buch zum Blättern gelandet – ein toller Baufortschritt!

Katharina Greve, Das Hochhaus, € 20 | click.

© 2017, Peter Piller / Capitain Petzel: VG Bild-Kunst, Bonn

Aller Laster Ende: mobile Kunst auf der Autobahn. Diese Idee kann nur in einem Autobahnstau entstanden sein – hinter gefühlten 500 LKWs wartend: drei Jahre war der Foto-Künstler Peter Piller auf Autobahnraststätten unterwegs und fotografierte die bebilderten Rückseiten von LKWs. In sein Buch Erscheinungen kamen allerdings nur Werbemotive von Frauen in 80 großformatigen Abbildungen. Immer wieder stellt Piller neue Bildarchive zusammen: nach „Schießende Mädchen“ und „Schlafende Häuser“ eben LKW-Rückansichten, die wir tagtäglich sehen, aber nicht wirklich wahrnehmen. Diesmal eben ein Buch mit weiblichen Werbebildern. Die Texte dieser fahrenden Werbeflächen lässt Piller allerdings verschwinden – wir wissen also nicht, um welches Botschaft geht – und zeigt damit, was mit Werbung geschieht, wenn man ihr die message nimmt. Übrig bleiben wenig marienhafte Erscheinungen, die plötzlich vor uns auf der Autobahn auftreten. Und die Überraschungen über Ikonen der Logistik als Versatzstücke einer ironischen und leicht abgründigen Pop- und Werbekultur. Unser nächster Stau wird anders, denn Kunst ist überall zu entdecken. Wir müssen sie nur erkennen, nicht nur auf der linken Spur. Ein Augen öffnendes  Buch und ein echtes Sammlerstück.

Archiv Peter Piller, Erscheinungen, € 49,80 | click.

 Der tolle Tipp für Karl-Heinz:

 

Polaroid Panik. Wer mehr über die Polaroid- und Neonzeit der späten 1970er Jahre erlesen will, dem lege ich Richard L. Wagners Neonschatten ans Herz: „Ich ging zurück zum Stuhl, um mit den Fotos weiterzumachen. Unterwegs trank ich kräftig aus der Flasche. Eine Blitzlichtlampe würde ausreichen, um weiter zu fotografieren. Ich hatte „Image“ in einer Nacht gemacht. In dieser Nacht musste „Polaroid Panik“ entstehen. Für Minnie, das Geld und mich. In einer Woche könnte „Polaroid Panik“ schon in der Galerie hängen. Ich zog das Polaroid, das ich vor Minnies Anruf aufgenommen hatte aus der Kamera. Nach sechzig Sekunden Entwicklungszeit trennte ich es vorsichtig von der Negativfahne.“  Ingeborg Schober  empfahl wärmstens den schmalen Band über „die Leute ihren Alltag zum Film gestalten und ihre Filme über diesen Alltag drehen“.

Richard L. Wagner, Neonschatten, verlagsfrisches, ungelesenes Einzelstück, 1978 € 28. Bei Interesse bitte eMail an trooboox@t-online.

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Hinweis: die Bücher-posts entstehen unabhängig von den ausgewählten Verlagen. Für Bestellungen über die Links zu Amazon.de erhalte ich eine minimale Werbekostenerstattung im Rahmen des Partnerprogramms von Amazon EU.  © Kurt Pohl, Hanselfeld 5, 86698 Oberndorf, trooboox@t-online.de