In books we trust # 21

Nichts gesucht, aber immer was gefunden. Bei trooboox findest du die tollsten Tipps für Bücher, die echt Freude bereiten.

[tru:buks] |  Wurst als Kulturgut | Die schönsten Funklöcher der Welt | Wim Wenders entspannte Biographie in Polaroids | Die dunkle Seite der Architektur |  & der tolle Tipp für Karl-Heinz 

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Das ideale Mitbringsel fürs nächste Wurstschnappen. Wieder so ein Buchtitel, der die Rezensenten  zu Wortspäßen animiert:  dem Mann ist alles wurst. . . Aufschnitt für alle. . .  gut gewürzt und so weiter. Ich füge einen weiteren dazu: ein sattes Buch! Dabei hat der Kunsthistoriker Wolfger Pöhlmann nur im Sinn, in einer sich veganisierenden Gesellschaft der kulturelle Bedeutung der deutschen Wurstvielfalt den gebührenden Platz zuzuweisen. Knapp 30 kg Wurst wandern jährlich in einen deutschen Magen, lediglich vier Prozent der Bevölkerung lassen völlig die Finger von Fleisch und Wurst. Als ehemaliger Ausstellungsmacher und Kulturmanager für das Goethe-Institut weiß Pöhlmann, wie man unseren soziokulturellen Alltag schmackhaft aufbereitet (Wortspiel!). Sein Verlag merkt an, dass er sich seit seiner Kindheit leidenschaftlich für Wurst, Wurstmacher und das Wurstwissen interessiert. Dafür bietet das Buch sehr viel Hintergrundwissen zu Rezepturen und regionalen Besonderheiten, zur geschichtlichen Enzwicklung der Wurstwaren und gibt jede Menge Tipps für den richtigen Einkauf und zu guten Metzgern.  Wir goutieren Wissenswertes, wie die Antwort auf die Frage, warum Weißwürste weiß sind und nicht die übliche rötliche Wurstfärbung haben: bei ihnen fehlt die Zugabe des färbenden und haltbarmachenden Pökelsalzes.

Pöhlmann arbeitet mit fundiertem Lebensmittelwissen, umfangreichen, persönlichen Recherchen ohne Angst um die eigenen Cholesterinwerte und einem ausgewachsenem Appetit auf das deutsche Grundnahrungsmittel. Die Grundbotschaft lautet: Haltet die regionalen Fleischer und Metzger in Ehren! Mit der Massenware droht der Verlust einer unserer nationalen Identitäten.  30 Kilo Wurst pro Jahr sind auch ein Kulturauftrag! Einer der kulturellen Höhepunkte des Buchs ist ein poetischer Zweizeiler des Duisburger Marktschreiers  „Wurst-Achim“: „Wenn Achim seine Tüte packt, steht Aldi kurz vorm Herzinfarkt“.  In diesem Sinne ist das Buch unterhaltsam, interessant und natürlich appettitanregend.

Wolfger Pöhlmann, Es geht um die Wurst – Eine deutsche Kulturgeschichte, € 26 | click.

Wann warst du das letzte Mal in einem Funkloch?  Und, wie war deine Stimmung? Verzweifelt? Entspannt? Noch gibt es sie – Funklöcher, in denen wir für die Außenwelt  unerreichbar sind. Und auch ausgeschlossen von ihr. In ihrem Buch Unwired spürt die in New York lebende Niederländerin Jacqueline Hassink (*1966) weisse und lautlose Flecken auf der digitalen Landkarte auf. Ihr neuestes Projekt zeigt kaum überraschende Ergebnisse: Menschen in Funklöchern fühlen sich isoliert, wenn sie nicht gerade auf der Suche nach Stille und unbeeinflusster Natur sind. Dem gegenüber stellt Hassink im 2. Teil des Buches Fotos von ständig und versunken auf das Display schauende smart phone-Nutzer. Auch sie sind isoliert. Wer soll sich da noch auskennen? Keine direkte Kommunikation mehr, nur noch Satzfetzen und jede Menge Fotos über geregelte Plattformen von WhatsApp bis Snapchat.

Hassink ist Spezialistin, wenn es darum geht, die ökonomischen Einflüsse und ihre Veränderungen in unserem Alltag auf ungewöhnliche Weise sichtbar zu machen. Für ihre diversen Buch- und Ausstellungsprojekte fotografierte sie (leeren)  Besprechungszimmer von Banken, Bildschirmschoner von Führungskräften und Kaffeetassen von Büroangestellten. Und jetzt eben ein Buch über abseitige Gegenden und in sich gekehrte Menschen in New York, Shanghai, Tokio, London u.a. mit und ohne Empfang. Das Buch ist auch ein Erbstück für nachfolgende Generationen, die kaum glauben werden, dass für unsere Kommunikation noch ausserhalb des Körpers befindliche Apparate benötigt wurden, die durch Fingertippen bedient wurden. Ihre aktuellen Projekte aus dem Buch unwired und iPortrait sind bis 6.Mai im Rotterdamer Nederlands Fotomuseum zu sehen.

Jacqueline Hassink, Unwired, € 58 | click. 

Unser Treffen mit Wim Wenders hatte KaHa Mayer ein-gefädelt. Kurz bevor Der Amerikanische Freund in den Kinos anlief, empfing uns Wenders mit der scheuen (oder desinteressierten) Lisa Kreuzer in seiner Münchener Villa, wo wir gemeinsam Standfotos in bestechendem schwarz/weiß für unser Literaturmagazin auswählten. Auf dem Tisch lagen jede Menge Fotos von Dennis Hopper, wir wählten das ausdrucksstärkste für das Cover. Damit wurde es für 1977 ein richtig cooles Heft, aber auch unser vorletztes. Als ich jetzt auf der Buchmesse Wenders Buch Sofort Bilder entdeckte, ärgerte ich mich, dass wir ihn damals nicht nach seinen Polaroids gefragt haben.

Sofort Bilder ist eine wunderbar entspannte Autobiographie in über 400 Polaroids aus Wenders frühen Filmjahren, garniert mit shortshort stories seiner Erlebnisse und wenigen Fotos von Annie Leibovitz. Wie anders als so, sollte ein Künstler wie Wenders sein Leben erzählen – als in Bildern rund um seine Filme. Für den Leser und Betrachter ist es ein großes Glück, dass diese Lebensschau in Fotos einer Polaroid SX 70 geschieht, die immer wie Originalschnipsel Leben wirken.  Wie in seinen Roadmovies entwickelt sich sein Leben fast wie ohne Plan und Drehbuch, vieles, was dokumentiert ist, geschieht einfach und ergibt erst zum Schluss ein Ganzes. Und wie die echten Lebensgeschichten haben die Polaroids  immer wieder Kratz- oder Knickspuren, sind in ihren Farben verblasst, und manche wirken in ihrer Unschärfe wie Filmschnipsel in Zeitlupe. Wenders erzählt von seinen Begegnungen mit Peter Handke und Filmgrößen wie Sam Fuller, Sam Shepard, Nicolas Ray und eben auch mit Annie Leibovitz auf einer gemeinsamen Autofahrt von San Francisco nach Los Angeles. Und dann ist da noch sein ganz besonderer Abschied von John Lennon: mit einem Kurztrip nach New York beendet Wenders für sich das Ende einer ganzen Ära.

In der deutschen Filmlandschaft nahm Wim Wenders schnell eine besondere Stellung ein. Kaum war der cineastische Aufbruch im Deutschland der sechziger Jahre durch Regie-Kollegen mit urdeutschen Themen und Manifesten geschafft, setzte er sich ab und erschloss sich die Welt, bevorzugt in den Vereinigten Staaten. Zuvor zeigte er uns noch, dass Oberfranken und Arizona nur einen Steinwurf  voneinander entfernt sind. Es war lediglich eine Frage des Bildausschnitts. Und auch der Bildausschnitt ist es, der viele Polaroids wie Vorläufer von selfies und von hektischen shots der frühen smartphones wirken lässt, ohne Inszenierung, flüchtig und bisweilen schlampig. Vielleicht trauert Wenders deswegen diesen Zeiten ein wenig nach: „Das Gefühl, dass es ein Original gibt, also etwas, was wirklich existiert und deswegen auf eine andere Art und Weise Beweis ist, dass das stattgefunden hat – diesen Glauben haben wir eigentlich alle irgendwie verloren. … Heute machen wir mehr Bilder als je zuvor, aber es entstehen dabei keine Originale mehr.“

Wim Wenders, Sofort Bilder, € 49,80 | click

Wer Originale sehen will, hat ab 7. Juli die Gelegenheit in der Galerie C/O Berlin.

Ein Buch über die dunkle Seite der Architektur. Dafür spar ich mir den Witz über Schwarzbauten. BLACK ist ein Bildband über Häuser in einer Farbe, die für viele keine ist: schwarz. Über 150 Beispiele aus 1000 Jahren belegen, dass Häuser nicht weiss, grau oder beige sein müssen. Schwarze Häuser sind extravagant und schlicht zugleich, in jedem Fall – wenn es die lokale Bauordnung zulässt – sehr akzentuiert. Sie wirken geheimnisvoll, mitunter düster und unnahbar, vielleicht ist es deshalb die Farbe von vielen Bürogebäuden. Unter den abgebildeten Häusern sind Bauten bekannter Architekten wie Mies van der Rohe, es gibt aber auch viel neues und unbekanntes zu entdecken. Die Autorin hat mit Kirchen, Bibliotheken und Museen viel öffentliches und imposantes schwarz zusammengesammelt. Ein richtig überraschendes Exponat hat Stella Paul zwei Stunden nördlich von New York entdeckt. Die Villa Peakock Hill des exzentrischen Künstlerpaares Rob Pruitt und Jonathan Horowitz erinnert an Hitchcocks Psycho – ein Haus als bewohnbares Kunstwerk. Schwarz ist also doch eine richtig gute Hausfarbe!

Das Buch ist nicht nur wegen des schwarzen Umschlags und den überraschenden Häusern ein Gewinn, auch die Texte können sich lesen lassen. In Summe ist das Buch ist für uns alle, die schwarze Häuser supercool finden, dann aber ihrem Maler sagen „nee, doch lieber nich.“ Wozu gibt es schließlich schwarze Legosteine!

Stella Paul, Architecture in Monochrome, € 28,99 | click.

 Der tolle Tipp für Karl-Heinz:

Polaroid Panik. Wer mehr über die Polaroid- und Neonzeit der späten 1970er Jahre erlesen will, dem lege ich Richard L. Wagners Neonschatten ans Herz: „Ich ging zurück zum Stuhl, um mit den Fotos weiterzumachen. Unterwegs trank ich kräftig aus der Flasche. Eine Blitzlichtlampe würde ausreichen, um weiter zu fotografieren. Ich hatte „Image“ in einer Nacht gemacht. In dieser Nacht musste „Polaroid Panik“ entstehen. Für Minnie, das Geld und mich. In einer Woche könnte „Polaroid Panik“ schon in der Galerie hängen. Ich zog das Polaroid, das ich vor Minnies Anruf aufgenommen hatte aus der Kamera. Nach sechzig Sekunden Entwicklungszeit trennte ich es vorsichtig von der Negativfahne.“  Ingeborg Schober  empfahl wärmstens den schmalen Band über „die Leute, die ihren Alltag zum Film gestalten und ihre Filme über diesen Alltag drehen“.

Richard L. Wagner, Neonschatten, Verlag Pohl’n’Mayer, verlagsfrisches, ungelesenes Einzelstück, 1978 € 28. Bei Interesse bitte eMail an trooboox@t-online.

Interessant zu wissen: Vom 16. März bis 17. Juni ist im Hamburg Museum für Kunst und Gewerbe die Ausstellung The Polaroid Project zu sehen.

Literaturblogs  >  Herbert liest  | buchrevier  |  masuko13

Hinweis: die Bücher-posts entstehen unabhängig von den ausgewählten Verlagen. Für Bestellungen über die Links zu Amazon.de erhalte ich eine minimale Werbekostenerstattung im Rahmen des Partnerprogramms von Amazon EU.  © Kurt Pohl, Hanselfeld 5, 86698 Oberndorf, trooboox@t-online.de