In books we trust | # 17

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[tru:buks] |   Helnweins gesammelte Kinderbilder samt toller Ausstellung |  die kleine Welt als grosse Täuschung | & der tolle Tipp für Karl-Heinz 

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(c) Gottfried Helnwein/Hirmer Verlag

Kinder ohne Kindheit. Dem neuen Buch von Gottfried Helnwein nähere ich mich über das Städtchen Bleiburg in  Kärnten (Autobahnausfahrt Griffen, dem Geburtsort Handkes). Und erlebe in der Hauptstraße gleich eine Überraschung: die niedrigen Bürgerhäuser sind mit überformatigen Kopien von Helnwein-Bildern dekoriert. Respekt an die Bewohner,  denn Bleiburg wirkt bei knapp 4.000 Einwohnern nicht gerade wie eine Kunst-Metropole. Aber immerhin im Kern malerisch. Das Buch erscheint zur Ausstellung im WERNER BERG MUSEUM mit über 70 Werken zum Thema Kind. Der Mut der Bewohner zu den teilweise verstörenden Motiven ist bemerkenswert. Die Bilder weichen von dem ab, was üblicherweise  als Kinderporträt zu verstehen ist. Sein neues Buch sammelt zusammen, wie sich der österreichische Maler seit Jahrzehnten am vielfältigen Thema Kind abarbeitet. Und zwar radikal zwischen zwei Polen: einerseits auf Grundlage seiner Sozialisation in Entenhausen, andererseits durch die fehlende Nachkriegs-Aufarbeitung der nationalsozialistischen Zeit bis hin zu den medizinischen und menschenverachtenden Greuel-Versuchen eines Josef Mengele.

Immer wieder nimmt Helnwein seinen Kindermotiven alles kindliche, unschuldige und naive und ersetzt es durch raue Wirklichkeit, mutet dem Kindsein die vielfältigen Schrecken des Erwachsenen zu. Er nimmt in Kauf, dass das Betrachten der Bilder bis an Schmerz- und Geschmacksgrenzen geht – wegschauen wie früher geht nicht. Denn Helnwein nimmt auch die reale Schrecken vorweg, wie die Skandale um die Regensburger Domspatzen und die Wiener Kinder-Psychiatrie „Am Steinhof“ zeigen. Selbst Helnweins Micky Maus zeigt ihre dunkle Seele.

Immer wieder projiziert Helnwein seinen künstlerischen Ausdruck zur Selbstverstümmelung  in die Deformationen seiner Bildmotive. Die kindliche Umgebung, ihre Körper, Gesichter und Seelen werden verwundet und deformiert. „Ich hatte den Eindruck, den Erwachsenen um mich herum war immer irgendetwas peinlich. Ich habe es selbst nie verstanden, aber meinen Eltern war alles peinlich. Ich weiß es nicht, aber vielleicht war den Menschen des Kleinbürgertums ihre eigene Existenz peinlich.“ Helnwein ist nichts peinlich und schon gar nichts heilig. Zwischen Leid und Albtraum platziert er Manga-Erotik und Versatzstücke aus Entenhausen.

Der großformatige Band enthält eine umfangreiche Auswahl, aufschlussreiche Zitate des Künstlers und eine ausführliche und informative Biografie. Helnwein liefert den Schlüssel für das Abgründige in seinen Bildern mit: „Für mich ist die Leinwand wie eine Bühne, auf der ich mein Spiel inszeniere: Und ich bringe alle Akteure zusammen. . . In meiner Erzählung haben alle gleiche Rechte – ganz egal ob Donald Duck, ein Kind und Adolf Hitler.“

Die Gemeinschaftsausstellung Helnwein/Berg läuft bis 29.Oktober. Der Ausflug nach Kärnten und das Buch bieten unerwartete Erfahrungen.

Gottfried Helnwein: Kind, € 39,95 | click.

Kleine Welten mit großen Täuschungen. Der Frankfurter Fotograf Frank Kunert macht sich richtig Mühe für seine Motive: er bastelt aus Pappe, Schaumstoff und Alltagsgegenständen „echte“ kleine Welten mit kleinbürgerlichen Hoch- und Reihenhäusern, Wohnzimmern, Straßen, Grabsteinen usw. Sie sind die Bühne seiner fotografischen Ideen. Denn kaum hast du die oft triste Situation wahrgenommen, werden deine Erwartungen im 2. Blick getäuscht: eine Treppe, die ins Himmelsnichts führt, ein Tennisplatz als half pipe, ein Fernsehgerät mit direkter Ableitung in die Kloschüssel. In seinen Fotobüchern sorgt Kunert dafür, dass die Idylle nicht lange anhält. Er setzt feinsinnige Ironie ein, aber auch schmerzhafte Überraschungen, wenn er wortwörtliche Bilder entlarvt.

Kunert verzichtet auf Photoshop und andere Bildbearbeitung und geniesst dafür die analoge und damit brüchige Inszenierung. Der besondere Reiz seiner Bücher liegt darin, dass er keine Fakes bastelt, sondern mit echten Täuschungen spielt.

Frank Kunert, Wunderland, € 16,80 | click | Verkehrte Welt, € 14,80 | click

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 Der tolle Tipp für Karl-Heinz:

Für alle Gegner von swimming pools und Badeanstalten: der Sprung ins kalte Wasser. Der Brite David Start verknüpft seit Jahren das Angenehmste mit dem Nützlichen. Zusammen mit seiner Frau bereist er Europa auf der Suche nach den schönsten Schwimmplätzen in beeindruckender Natur und macht dann begehrenswerte Bücher daraus. Das Ziel im neuesten Buch über Frankreich sind dabei weder das Mittelmeer und der Atlantik, sondern unentdeckte Seen, Flüsse und atemberaubende Wasserfälle  im Inneren des Landes.   Schönen Badeurlaub und Bade-hose nicht vergessen!

Wild Swimming Frankreich, € 22,95 | click.

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