In books we trust # 22

Nichts gesucht, aber immer was gefunden. Bei trooboox findest du die tollsten Tipps für Bücher, die echt Freude bereiten.

[tru:buks] | Essen wie ein Tellerwäscher | Wieder da: Polaroids  | verkehrte kleine Welt  | Wim Wenders entspanntes Bilderbuch | Die dunkle Seite der Architektur |  Betrachtungen über die Wurst & der tolle Tipp für Karl-Heinz 

Eating with the Chefs

Ein Blick hinter die Kulissen von Luxusrestaurants. Gutes Mitarbeiter muss man gut behandeln. Das Personalessen in Restaurants ist somit nicht nur ein Gemeinschaftserlebnis einer konzentriert und hart arbeitenden Crew, es ist auch eine Frage der Ehre und des Qualitätsanspruchs.  Alle essen mit und in einigen Restaurants dürfen alle mal für die Kollegen mitkochen – auch der Tellerwäscher. Per-Anders Jörgensen machte für seinen Fotoband diese und andere Entdeckungen bei den Spitzenköchen dieser Welt: „Gerichte für die Seele“ stehen dabei an ganz oben auf der Menükarte. Als Chef würde ich Linsen mit Spätzle auftragen. Ein toller Gruss aus der Küche.

Eating with the Chefs,  €  39,95 |  click

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Wenn Peek & Cloppenburg Polaroid-Kameras vertickt, ist wieder einmal ein kultureller Trend in der Mitte der Gesellschaft detoniert. Die Sofortbildfotografie ist im Fokus der Kulturszene zurück (siehe unten auch Wim Wenders). The Polaroid Project ist nicht nur eine absolut sehenswerte und erfolgreiche Ausstellung, das zugehörige reich bebilderte Buch begeistert: es enthält über 300 Werke bedeutender Künstler und ist der informativste Reiseführer durch die Polaroidwelt. Was macht die Faszination der Sofortbilder für Künstler aus? Im Digitalzeitalter sicher die Anti-Digitalität: Der Effekt ist zwar you-get-what-you-see analog der smart-Technologien, aber das Ergebnis bleibt ein Unikat. Sehr schnell erkannten weltweit Künstler das kreative Potenzial der Polaroids und trugen damit in den 70er und 80er Jahren zur schnellen Verbreitung bei: David Hockney erstellt ein Mosaik aus einzelnen Fotos, Robert Mapplethorpe macht Akt-Selbstbildnisse und Warhol lässt sich von Oliviero Toscani mit einer Sofortbild-Kamera  in  der Hand ablichten. Just in dem Augenblick, in dem ein Warhol-Selfie den Schacht verlässt. Ergänzt wird das Mammutwerk durch technische Informationen zu Kameras und Entwicklungen. Auch wenn es längst Fake-Apps (mit SX 70-sound und integrierten Fingerabdrücken) gibt, nur das echte Polaroid fasziniert. Das Buch verrät uns auch, dass das Fächeln des frischen Abzugs unnötig ist – obwohl ein wunderbarer Pola-Ritus. Einer der Kuratoren ernüchtert  uns mit einer lapidaren Feststellung:  „Aber alle Welt glaubte das. Ich vermute, dass die Menschen das aus Ungeduld gemacht haben. Selbst das Sofortbild war ihnen noch zu langsam.“

DAS POLAROID-PROJECT   Die Eroberung durch die Kunst  € 49,90click.  bis 17. Juni ist im Hamburg Museum für Kunst und Gewerbe die Ausstellung The Polaroid Project zu sehen. > ausserdem unbedingt besuchen: Galerie Westlicht, Wien

Ich bin ein Fan von Frank Kunerts fotografischen Miniaturwelten! In seinen Projekten schafft sich Kunert im Fotostudio seine eigenen Welten, reale Nachbauten ohne digitale Tricks. Jetzt ist sein dritter Bildband Lifestyle erschienen. Und wie bisher erzählt er hier short stories aus einem weiter gedachten Leben. Was passiert mit uns, wenn das Weihnachtszimmer bis unter die Decke mit Schnee gefüllt ist? Oder wo endet die Fahrt ins Blaue? Natürlich im wortwörtlichen Blauen. Kunert ist in seinen Alltagsgeschichten mit feiner Ironie unterwegs. Die Realität hat auf den zweiten Blick eben auch eine zweite Wirklichkeit parat.  Kunert knetet sich seine Realität. Ein Telefon sieht dann bei näherer Betrachtung eben aus wie aus einem tschechischen Puppenfilm der 60er Jahre. Mehr von Kunerts kleinen Welten findet ihr hier. Ideale Bücher, um sich und anderen eine kleine, aber dauerhafte Freude zu bereiten.

Frank Kunert LIFESTYLE, € 16,80 |  click.

Eine wunderbar entspannte Autobiographie von Wim Wenders. Sofort Bilder erzählt in über 400 Polaroids aus Wenders frühen Filmjahren, garniert mit shortshort stories und Fotos von Annie Leibovitz. Wie in seinen Roadmovies entwickelt sich sein Leben fast wie ohne Plan und Drehbuch, vieles geschieht einfach und ergibt erst zum Schluss ein Ganzes. Und wie die echten Lebensgeschichten haben die Polaroids  immer wieder Kratz- oder Knickspuren, sind in ihren Farben verblasst, und manche wirken in ihrer Unschärfe wie Filmschnipsel in Zeitlupe. Wenders erzählt von Begegnungen mit Handke und Filmgrößen wie Fuller, Shepard, Ray und eben auch mit Leibovitz auf einer gemeinsamen Autofahrt. Leben ist häufig eine Frage des Bildausschnitts. Viele der Polaroids wirken wie Vorläufer von selfies und hektischen shots früher smartphones, ohne Inszenierung, flüchtig und bisweilen schlampig. Wenders trauert diesen Zeiten ein wenig nach: „Heute machen wir mehr Bilder als je zuvor, aber es entstehen dabei keine Originale mehr.“

Wim Wenders, Sofort Bilder, € 49,80 | click | Wer Originale sehen will, hat ab 7. Juli die Gelegenheit in der Galerie C/O Berlin.

Ein Buch über die dunkle Seite der Architektur.  BLACK ist ein Bildband über Häuser in einer Farbe, die für viele keine ist: schwarz. Über 150 Beispiele aus 1000 Jahren belegen, dass Häuser nicht weiss, grau oder beige sein müssen. Schwarze Häuser sind extravagant und schlicht zugleich, in jedem Fall – sehr akzentuiert. Sie wirken geheimnisvoll, mitunter düster und unnahbar, vielleicht ist es deshalb die Farbe von vielen Bürogebäuden.  Ein richtig überraschendes Exponat hat Stella Paul zwei Stunden nördlich von New York entdeckt. Die Villa Peakock Hill des exzentrischen Künstlerpaares Pruitt und Horowitz erinnert an Hitchcocks Psycho – ein Haus als bewohnbares Kunstwerk. Das Buch ist nicht nur wegen des schwarzen Umschlags und den überraschenden Häusern ein Gewinn, auch die Texte können sich lesen lassen. In Summe ist das Buch ist für uns alle, die schwarze Häuser supercool finden, sich aber nicht trauen.

Stella Paul, Architecture in Monochrome, € 28,99 | click.

Das ideale Geschenk für den nächsten Grillabend – ein Buch über die deutsche Wurst. Der Kulturwissenschaftler Pöhlmann arbeitet mit fundiertem Lebensmittelwissen, umfangreichen Recherchen ohne Angst um die eigenen Cholesterinwerte und einem ausgewachsenem Appetit auf das deutsche Grundnahrungsmittel. Die Grundbotschaft lautet: Haltet die regionalen Fleischer in Ehren! Mit der Masse droht der Verlust einer unserer nationalen Identitäten.  Einer der Höhepunkte des Buchs ist ein poetischer Zweizeiler des Duisburger Marktschreiers  „Wurst-Achim“: „Wenn Achim seine Tüte packt, steht Aldi kurz vorm Herzinfarkt“.  In diesem Sinne ist das Buch unterhaltsam, informativ und appetitanregend.

Wolfger Pöhlmann, Es geht um die Wurst – Eine deutsche Kulturgeschichte, € 26 | click.

 Der tolle Tipp für Karl-Heinz:

Polaroid Panik. Wer mehr über die Polaroid- und Neonzeit der späten 1970er Jahre erlesen will, dem lege ich Richard L. Wagners Neonschatten ans Herz: „Ich ging zurück zum Stuhl, um mit den Fotos weiterzumachen. Unterwegs trank ich kräftig aus der Flasche. Eine Blitzlichtlampe würde ausreichen, um weiter zu fotografieren. Ich hatte „Image“ in einer Nacht gemacht. In dieser Nacht musste „Polaroid Panik“ entstehen. Für Minnie, das Geld und mich. In einer Woche könnte „Polaroid Panik“ schon in der Galerie hängen. Ich zog das Polaroid, das ich vor Minnies Anruf aufgenommen hatte aus der Kamera. Nach sechzig Sekunden Entwicklungszeit trennte ich es vorsichtig von der Negativfahne.“  Ingeborg Schober  empfahl wärmstens den schmalen Band über „die Leute, die ihren Alltag zum Film gestalten und ihre Filme über diesen Alltag drehen“.

Richard L. Wagner, Neonschatten, Verlag Pohl’n’Mayer, verlagsfrisches, ungelesenes Einzelstück, 1978 € 28. Bei Interesse bitte eMail an trooboox@t-online.

Literaturblogs  >  Herbert liest  | buchrevier  |  masuko13

Hinweis: die Bücher-posts entstehen unabhängig von den ausgewählten Verlagen. Für Bestellungen über die Links zu Amazon.de erhalte ich eine minimale Werbekostenerstattung im Rahmen des Partnerprogramms von Amazon EU.  © Kurt Pohl, Hanselfeld 5, 86698 Oberndorf, trooboox@t-online.de

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