Kategorie: Fotografie | Film

Leben „to go“: die besten Fotos liegen auf der Straße.

Den Sommer über waren die besten Straßenfotografien in Hamburg versammelt. Ausstellung in den Deichtorhallen  verpasst? Macht nix!  Das Buch zur Ausstellung Street.Life.Photography (Kehrer Verlag) bleibt und zeigt neben Stars des Genres wie Martin Parr, Robert Frank, Lee Friedlander und Diane Arbus auch jüngere Fachkräfte wie der Deutsche Siegfried Hansen und Maciej Dakowicz, der v.a. in Asien arbeitet.

Straßenfotografie ist das Road Movie unter den Fotografie-Genres und hat ihren besonderen Reiz: kein Studio, knappes Budget, kein oder wenig künstliches Licht, keine Zeit für langwierige Inszenierung, stattdessen Konzentration auf den Augenblick und auf Zufälle. Das Studio ist der öffentliche Raum. Oft entstehen darin subjektive Schnellschüsse von Alltagsszenen und eindrucksvolle Porträts.  Das Buch mit knapp 200 schwarz-weiss- und Farbfotos aus den letzten 70 Jahren gliedert die Fotografien in Sektionen wie Public Transport, Street Life, Urban Space, Anonymity und andere.  Sie zeigen Strassenszenen, die all unsere  Lebenslagen abbilden:  Eitelkeit, Bewegung, Essen, Sex, Stillstand, Sport und Spiel, Warten, Architektur, Politik, Frust, Einsamkeit und auch Langeweile. Auf dieser Bühne sind wir gleichzeitig Zuschauer und Akteure, oft unfreiwillig, manchmal voyeuristisch.

(c) Siegfried Hansen

Einiges im Buch erinnert an Szenen, die wir so oder ähnlich selbst schon erlebt, aber nicht wahrgenommen haben. Zufälle, die wie eine Inszenierung wirken. Es ist nicht ganz billig, dafür schön gemacht und mit einer umfassenden Auswahl. Darin schmökern deine Gäste bis der Risotto fertig ist. Lass dir ruhig Zeit mit der Zubereitung. Den richtigen sound dazu liefert immer noch Randy Crawford.

Street. Life. Photography,  € 49,90 | [Anzeige] in deiner Buchhandlung oder bei oder hier.

Auch der toteste Gummibaum bringt Leben in dein Büro

Büropflanzen sind die besten Arbeitskollegen: sie sind gute Zuhörer, anspruchslos, konstant in der Stimmung und immer da. . . nehmen Urlaube klaglos hin und sind die Blaupause für Leidensfähigkeit im Arbeitsleben. Aber nur auf den ersten Blick. Der Fotograf Frederik Busch zeigt sie in seinem Buch German Business Plants als seelenvolle Begleiter durch oft seelenlose Arbeitswelten.

Busch geht der Frage nach, wie machen wir unseren Arbeitsplatz privat. Von 2009 bis 2017 schuf er personen-ähnliche Porträts von Büropflanzen. Busch gibt den Pflanzen Namen und Stimme, denn er skizziert uns ihre Situation in einer Art short short story. Busch (*1974) studierte u.a. Filmwissenschaft und Schauspiel – das erklärt für mich seinen menschlichen Zugang zu den Seelen der Büropflanzen und sein Gespür für ihre Tragikkomik. Er war wohl nicht in Vorstandsetagen unterwegs, viele der Porträtierten sind schief, halb vertrocknet und entlaubt. Busch legt Wert darauf, dass die Pflanzen nur in einem Halbmeterradius verrückt wurden und mit vorhandenem Licht fotografiert wurden. Und sie blieben unverletzt.

Das Buch zeigt uns, wie weit Realität von Büropflanzen von ihrer eigentlichen Zweckbindung abweicht: sie sollen und Freude und besseres Klima spenden, Stress mindern und Leistung fördern. Übrig bleibt oft Natur auf kleinstem Raum an den Arbeitsplätzen der Anspruchslosen,  mit stark wechselnden Wasserspenden und Lichtverhältnissen. Ein Buch für Tippgemeinschaften im Büro, für Liebhaber von Hintergrundmusik in Endlosschleife und für die Erben von Hinterlassenschaften von Kollegen, die es nie gab. Der Gärtner-Tipp: nicht mehr Zeit als bisher für deine Büropflanzen verwenden! Das kann sie verstören und ihren Charakter verändern.

German Business Plants,  € 28,– | [Anzeige] in deiner Buchhandlung oder bei  oder hier.

Wim Wenders entspannte Biographie in Polaroids

Unser Treffen mit Wim Wenders hatte KaHa Mayer eingefädelt. Kurz bevor Der Amerikanische Freund in den Kinos anlief, empfing uns Wenders mit der scheuen (oder desinteressierten) Lisa Kreuzer in seiner Münchener Villa, wo wir gemeinsam Standfotos in bestechendem schwarz/weiß für unser Literaturmagazin auswählten. Auf dem Tisch lagen jede Menge Fotos von Dennis Hopper, wir wählten das ausdrucksstärkste für das Cover. Damit wurde es für 1977 ein richtig cooles Heft, aber auch unser vorletztes. Als ich jetzt auf der Buchmesse Wenders Buch Sofort Bilder entdeckte, ärgerte ich mich, dass wir ihn damals nicht nach seinen Polaroids gefragt haben.

Sofort Bilder ist eine wunderbar entspannte Autobiographie in über 400 Polaroids aus Wenders frühen Filmjahren, garniert mit shortshort stories seiner Erlebnisse und wenigen Fotos von Annie Leibovitz. Wie anders als so, sollte ein Künstler wie Wenders sein Leben erzählen – als in Bildern rund um seine Filme. Für den Leser und Betrachter ist es ein großes Glück, dass diese Lebensschau in Fotos einer Polaroid SX 70 geschieht, die immer wie Originalschnipsel Leben wirken.  Wie in seinen Roadmovies entwickelt sich sein Leben fast wie ohne Plan und Drehbuch, vieles, was dokumentiert ist, geschieht einfach und ergibt erst zum Schluss ein Ganzes. Und wie die echten Lebensgeschichten haben die Polaroids  immer wieder Kratz- oder Knickspuren, sind in ihren Farben verblasst, und manche wirken in ihrer Unschärfe wie Filmschnipsel in Zeitlupe. Wenders erzählt von seinen Begegnungen mit Peter Handke und Filmgrößen wie Sam Fuller, Sam Shepard, Nicolas Ray und eben auch mit Annie Leibovitz auf einer gemeinsamen Autofahrt von San Francisco nach Los Angeles. Und dann ist da noch sein ganz besonderer Abschied von John Lennon: mit einem Kurztrip nach New York beendet Wenders für sich das Ende einer ganzen Ära.

In der deutschen Filmlandschaft nahm Wim Wenders schnell eine besondere Stellung ein. Kaum war der cineastische Aufbruch im Deutschland der sechziger Jahre durch Regie-Kollegen mit urdeutschen Themen und Manifesten geschafft, setzte er sich ab und erschloss sich die Welt, bevorzugt in den Vereinigten Staaten. Zuvor zeigte er uns noch, dass Oberfranken und Arizona nur einen Steinwurf  voneinander entfernt sind. Es war lediglich eine Frage des Bildausschnitts. Und auch der Bildausschnitt ist es, der viele Polaroids wie Vorläufer von selfies und von hektischen shots der frühen smartphones wirken lässt, ohne Inszenierung, flüchtig und bisweilen schlampig. Vielleicht trauert Wenders deswegen diesen Zeiten ein wenig nach: „Das Gefühl, dass es ein Original gibt, also etwas, was wirklich existiert und deswegen auf eine andere Art und Weise Beweis ist, dass das stattgefunden hat – diesen Glauben haben wir eigentlich alle irgendwie verloren. … Heute machen wir mehr Bilder als je zuvor, aber es entstehen dabei keine Originale mehr.“

[Anzeige] Wim Wenders, Sofort Bilder, € 49,80 | in deiner Buchhandlung oder hier.

Wer Originale sehen will, hat mehrere Chancen: bis 11. Febuar ist die Ausstellung mit seinen Polaroids in der Londoner Photographer’s Gallery zu sehen, danach bei C/O Berlin.