Kategorie: Kunst | Kultur

Auge schlägt Hirn: wie uns “fake views“ täuschen und wie Andy Warhol ins Möbelhaus kommt.

Ein sehr schönes Buch verrät uns, wie Täuschungen entstehen und warum wir auf Illusionisten herein fallen? Unsere  Augen nehmen schneller Informationen auf, als unser Gehirn abarbeiten kann. Es ist also kein Zufall, dass uns viele Deckengemälde barocker Kirchen paradiesisch täuschen. München hat, Aachen freut sich auf eine lehrreiche und amüsante Ausstellung: „Lust der Täuschung – Von antiker Kunst bis zu Virtual Reality“. Gezeigt werden Exponate aus Malerei, Skulptur, Architektur, Design, Mode und digitaler Kunst. Alle Stücke haben eines gemeinsam: wir werden beim Betrachten optisch getäuscht.

Schön, dass es ein spannendes Buch mit demselben Titel zur Ausstellung gibt. Die Exponate werden nicht nur ausführlich dargestellt, sondern du erfährst auch viel über das Wesen der Täuschung, über die Perfektion und Professionalität der Täuscher und aus neurowissenschaftlicher Sicht. Das Wortspiel „fake views“  im Vorwort ist einfach genial, ich hänge mich gerne daran, denn es zeigt die Aktualität des Themas. Das nicht weniger aktuelle Thema virtual reality  (ein wichtiger Teil der Ausstellung) ist naturgemäß auf Papier begrenzt darstellbar und im Buch sparsam vertreten. Aber ist VR nicht ohnehin zweite Realität statt bloße Täuschung?

Das Buch ist alles andere als ein dröger Katalog mit einer Nummernrevue der Exponate! Eine sehr gute Übung, nicht mehr auf alle Tricks unserer visuellen Welten herein zu fallen. Wer die Ausstellung besucht, sollte das umfangreiche Buch unbedingt vorher lesen. Wer nicht hin geht hat Unterhaltung und viele Informationen für lange Winterabende. Zusatznutzen: das Buch ist familienkompatibel mit einem leichten Blick auf nicht allzu schwere Kunst. Und die Sache mit Warhol? Achte mal drauf, wie viele Andy Warhol- und Keith Hearing-fakes für € 9,99 in Möbelhäusern und Geschenkboutiquen hängen.

Lust der Täuschung – Von antiker Kunst bis Virtual Reality, € 39,90 | [Anzeige] in deiner Buchhandlung oder hier   oder hier.

„Ja twoi rabotnik“. Ein Buch über die Roboter des deutschen Pop und ihre Musik: KRAFTWERK.

Die gute Nachricht zuerst: das Buch ist so umfangreich und informativ, dass du es nicht in einem Sitz lesen musst. Man muss für MENSCH MASCHINEN MUSIK auch kein hardcore-fan von Kraftwerk sein. Das vom Kulturwissenschaftler und –journalisten Uwe Schütte herausgegebene Buch ist sehr detailliert zusammengestellt und zeigt praktisch alle Aspekte des Gesamtkunstwerks KRAFTWERK. Da bleibt nichts mehr offen.

Schließlich ist die Musik der Band ein bisschen speziell, aber das beste und nachhaltigste, was Deutschland an Pop exportieren konnte.  Durch die aktuellen Remixes ist KRAFTWERK hörbarer für nicht-electronic-fans geworden: Das Klingklang-Grundmotiv von Tour de France geht dir nicht mehr aus dem Kopf, Neonlicht ist eine zeitlose Ballade, Trans Europa Express hat techno-beats und Das Modell wird schon mal in Wies’n-Zelten konzertiert. Im Mai 2014 konnte ich KRAFTWERK im Wiener Burgtheater sehen und hören: vier ältere Herren in einer Art Neoprenanzug zwar relativ bewegungslos hinter laptops, aber mit packender Musik und beeindruckenden dreidimensionalen Video- und Laserclips. Die Symbolik der Band war auch am outfit des weitangereisten Publikums zu erkennen. Was für ein Kontrast zur plüschigen Wandteppich-Anmutung der Burg.

Als Gesamtkunstwerk ist KRAFTWERK  aufgeladen mit Symbolik, Mythen und Zeichen: viele Ebenen wechseln zwischen Musik, bildender Kunst, Performance, Video. KRAFTWERK pflegt Retro-Futurismus, die Kombination aus zwei entgegengesetzten Richtungen: die Zukunft wird aus der Vergangenheit heraus betrachtet. Deshalb auch die vielen Anleihen bei  Bauhaus und der Glaube an Roboter-Gehilfen aus  der Welt von Zukunftsromanen und –filmen der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Mit etwas eckiger Ironie zu Mechanik und ohne Fragen zur künstlichen Intelligenz.

Das Buch  ein sehr abwechslungsreiche Zeitreise, die nicht nur die einzelnen Alben von Autobahn bis Electric Café reflektiert, sondern sich ausführlich mit ihren frühen „Krautrock“-Jahren der Pre-Roboterzeit, ihren Einflüssen auf die britische und US-amerikanische Popmusik und  ihrem für eine deutsche Band ungewöhnlichen internationalen Durchbruch beschäftigt. Dazu gibt werden seltene Interviews widergegeben und die aktuelle Präsenz in der weltweiten Kunstszene: KRAFTWERK als visionäres, audiovisuelles Kunstprojekt, das in Museen ebenso wie in  Konzerthallen begeistert. Ich erinnere mich an den beeindruckenden Start ihrer 3D-Performance im Kunstbau des Lehnbachhauses München in 2011.

Das Buch erschlägt einen fast durch die akademischen Leidenschaft, eine gründliche Arbeit abzuliefern. Durch die wissenschaftliche Optik (reich an Fußnoten,  arm an Bildern) wirkt das Buch hin und wieder sperrig wie manche Kraftwerk-songs. Trotzdem lesen! KRAFTWERK ist ein Monument des Pop.

Uwe Schütte (Hrsg.) MENSCH MASCHINEN MUSIK, € 24,90 | [Anzeige]in deiner Buchhandlung oder bei   oder hier.

Helnweins Kinderbilder-Buch

Kinder ohne Kindheit.  In seinem neuen Buch sammelt Gottfried Helnwein zusammen, wie sich der österreichische Maler seit Jahrzehnten am vielfältigen Thema Kind abarbeitet. Und zwar radikal zwischen zwei Polen: einerseits auf Grundlage seiner Sozialisation in Entenhausen, andererseits durch die fehlende Nachkriegs-Aufarbeitung der nationalsozialistischen Zeit. Helnwein nimmt auch die reale Schrecken vorweg, wie aktuelle Skandale in Schulen und Heimen zeigen. Selbst Helnweins Micky Maus zeigt ihre dunkle Seele.

Immer wieder projiziert Helnwein seinen künstlerischen Ausdruck zur Selbstverstümmelung  in die Deformationen seiner Bildmotive. Die kindliche Umgebung, ihre Körper, Gesichter und Seelen werden verwundet und deformiert.  Zwischen Leid und Albtraum platziert er Manga-Erotik und Versatzstücke aus Entenhausen. Der großformatige Band enthält eine umfangreiche Auswahl, aufschlussreiche Zitate des Künstlers und eine ausführliche und informative Biografie. Helnwein liefert den Schlüssel für das Abgründige in seinen Bildern mit: „Für mich ist die Leinwand wie eine Bühne, auf der ich mein Spiel inszeniere: Und ich bringe alle Akteure zusammen. . . In meiner Erzählung haben alle gleiche Rechte – ganz egal ob Donald Duck, ein Kind und Adolf Hitler.“

[Anzeige] Gottfried Helnwein: Kind, € 39,95 | in deiner Buchhandlung oder hier.