Kategorie: Kunst | Kultur

Am Ende aller Laster

Aller Laster Ende: mobile Kunst auf der Autobahn. Diese Idee kann nur in einem Autobahnstau entstanden sein – hinter gefühlten 500 LKWs wartend: drei Jahre war der Foto-Künstler Peter Piller auf Autobahnraststätten unterwegs und fotografierte die bebilderten Rückseiten von LKWs. In sein Buch Erscheinungen kamen allerdings nur Werbemotive von Frauen in 80 großformatigen Abbildungen. Immer wieder stellt Piller neue Bildarchive zusammen: nach „Schießende Mädchen“ und „Schlafende Häuser“ eben LKW-Rückansichten, die wir tagtäglich sehen, aber nicht wirklich wahrnehmen. Diesmal eben ein Buch mit weiblichen Werbebildern. Die Texte dieser fahrenden Werbeflächen lässt Piller allerdings verschwinden – wir wissen also nicht, um welches Botschaft geht – und zeigt damit, was mit Werbung geschieht, wenn man ihr die message nimmt. Übrig bleiben wenig marienhafte Erscheinungen, die plötzlich vor uns auf der Autobahn auftreten. Und die Überraschungen über Ikonen der Logistik als Versatzstücke einer ironischen und leicht abgründigen Pop- und Werbekultur. Unser nächster Stau wird anders, denn Kunst ist überall zu entdecken. Wir müssen sie nur erkennen, nicht nur auf der linken Spur. Ein Augen öffnendes  Buch und ein echtes Sammlerstück.

Archiv Peter Piller, Erscheinungen, € 49,80 | click.

Unübersetzbar

Ein Buch über twitter-untaugliche Begriffe. Faszinierend, wie man mit einem einzigen Wort ganze Gefühle und Handlungen beschreiben kann und zum Glück nicht übersetzen kann. So z.B. gibt es im niederländischen ein Wort für „nach draußen gehen und sich den Kopf und die schweren Gedanken vom Wind durchwehen zu lassen“. Oder in Feuerland „zwei oder mehr Menschen sitzen beisammen und kommen durch Blickkontakte zu der stillschweigenden Übereinkunft, dass etwas unternommen werden muss, aber niemand möchte den ersten Schritt tun“ – wow! Ein hawaiianisches Wort beschreibt folgendes Ereignis: „Der Zustand, der eintritt, wenn man sich eine Wegbeschreibung anhört, dann losläuft und sie augenblicklich wieder vergisst.“ Kennt jeder! Auch ein Wort aus Südindien wurde für folgenden Zustand ins Buch genommen: „Der Abdruck, der auf der Haut zurückbleibt, wenn man zu Enges getragen hat.“ Dazu passt eines der wenigen deutschen, nicht übersetzbaren Wörter: „Kummerspeck“. Die jeweiligen Original-Wörter könnt ihr im Buch entdecken, das durch seine Illustrationen zu einem netten, für jeden passenden Geschenkbuch taugt. Nur der Titel ist schwach und gehört einfach dem Film!

Lost in Translation, € 18.– | click.

Das wird dein Lieblings-Bilderbuch

Das schönste Buch des Jahres!  Christoph Niemann ist international einer gefragtesten Illustratoren. Der mittlerweile in Berlin lebende Ex-New Yorker schmückt die Titelseiten von NEW YORKER, New York Times, FAZ und SZ Magazin. Ich hatte das Vergnügen, seine Arbeiten im Wiener MAK im Original zu sehen. Jetzt ist endlich ein umfangreiches Buch mit einer Riesenauswahl seiner Kreativität erschienen. Viel Spass bereiten die immer wieder überraschenden Kombinationen aus Objektfotos (Mohn-brötchen) und Zeichnungen bzw. Aquarellen (Kopf mit Elekro-rasierer). Schön, dass man bei manchen Abbildungen länger verweilen muss, denn Niemann erzählt reihenweise shortshort-Stories und von seiner Lego- oder Gummibären-Serie, seinen Reiseberichten und Bilderserien kann man sich stundenlang anregen und überraschen lassen.  Meine Empfehlung: bei Einladungen das Buch neben dem Esstisch drapieren – es liefert immer anregenden Gesprächsstoff  falls gerade mal die Stimmung abflacht.

Sunday Sketching, € 34,95  |  click.

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