Imposanz zum Start: chic renoviertes Museum, „signature“ Ausstellung und ein wuchtiger Katalog

Der wuchtige Katalog ist fertig und wartet auf seine verschobene Ausstellung und viel Öffentlichkeit. THE BEGINNING zeigt die Entwicklung der österreichischen Kunst von 1945 bis 1980: den Wiener Phantastischen Realismus, die Wiener Aktionisten, Pop Art made in Austria und gesellschaftskritischen Realismus. Dieser post wird zur Eröffnung erweitert und aktualisiert! Neuer Termin 27. Mai bis 8. November.

Die Vorgeschichte zum Museum: Die österreichischen Baumarkt-Könige Essl (Baumax) verloren 2014 per Insolvenz nicht nur ihr Bastler-Imperium sondern auch eine komplette Sammlung moderner Kunst. Rettend sprang der größte Bauunternehmer Österreichs Peter Haselsteiner (STRABAG) ein. Kein Wunder, dass „Der Reigen“ ein Stück österreichischer Literatur ist. Haselsteiner ließ flux mit Eigenmitteln das Wiener Künstlerhaus renovieren und „schenkte“ damit der renommierten Graphiksammlung ALBERTINA einen zweiten Standort mit dem Attribut modern. Mit der internationalen Betonung auf der ersten Silbe, wie beim touristischen role model, der Londoner Tate Modern.

Die Hauseröffnung mit einer signature exhibition am 13. März musste auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Dafür liegt der Katalog zur fertigen Ausstellung vor – und was für einer. THE BEGINNING zeigt auf über 600 Seiten mit ebenso vielen Abbildungen mit Wucht die österreichische Kunstentwicklung von 1945 bis 1980.

Wie schwer sich die österreichische Kunstszene noch 1949 mit der Aufarbeitung tat, zeigt folgende Episode: Der im Katalog vertretene Arnulf Rainer verließ schon drei Tage nach Aufnahme an der Akademie der bildendenden Künste diese wieder. Seine Arbeiten wurden als „entartet“ klassifiziert. Zwar bildete sich schon 1946/47 der Art Club als Plattform für junge Künstler, aber der Nationalsozialismus warf noch lange Schatten auf den Kulturbetrieb durch übrig gebliebene Protagonisten in Hochschulen und Medien. Zensur, Verspottung und Behinderung der jungen Gegenentwicklung waren die Folge.  

Katalog und Ausstellung geben den sich aus dem Art Club formierenden Gruppen ausführlichen Raum. International am schnellsten etablierte sich die Gruppe „Wiener Schule des Phantastischen Realismus“ mit Protagonisten wie Friedensreich Hundertwasser und Ernst Fuchs. Weitere Gruppen bildeten die Wiener Aktionisten um Otto Muehl und Hermann Nitsch sowie die feministische Avantgarde um Valie Export. Zu den Themenschwerpunkten des Katalogs gehört neben der Aufarbeitung der kunsthistorischen Auswirkungen des Nationalsozialismus und die wachsende Internationalisierung der Österreichischen Kunst. Sammler wie Essl haben dazu einen wichtigen Beitrag geleistet.

Die Vielzahl der abgebildeten Exponate wird um Texte u.a. vom österreichischen Kulturphilosophen Konrad Paul Liessmann ergänzt. Liessmann beschäftigt sich in seinen Vorlesungen immer wieder mit Grenzen und der Umstrittenheit moderner Kunst.

Der Katalog ist vermutlich die umfassendste Dokumentation der taktgebenden Strömungen österreichischer Kunst nach dem 2. Weltkrieg. Was das Fehlen einiger prominenter und relevanter Künstler nicht ausschließt. Private Sammlungen sind eben auch privater Geschmack.

Die Ausstellung ist fertig aber auf unbestimmte Zeit verschoben. Was können wir jetzt schon mit dem Katalog tun? Uns auf einen Trip ins sommerliche Wien vorbereiten und unser Wissen über die bildende Kunst in Österreich um wichtige Kapitel erweitern. Wir können mit dem Katalog in diesen Zeiten unser Wohnumfeld aufpolieren und immer wieder neue und überraschende Exponate sichtbar halten. Bücher gehören gesehen.

Klaus Albrecht Schröder (Hrsg.), THE BEGINNING, 608 S., Hirmer Verlag, € 55 | in deiner Lieblingsbuchhandlung

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