Dimitré Dinevs Epos über den Schrecken im Großen und die Liebe im Kleinen

Leseratte und Leseschwarte sind nicht gerade positiv besetzte Begriffe beim beim Eintauchen in Bücher. Wer den Wälzer (auch so eine komische Bezeichnung) Zeit der Mutigen lesen will, muss von beidem etwas haben: hartnäckig wie eine Ratte muss man/frau sich durch eine Schwarte von 1248 Seiten durchkauen. Ich brauchte dafür in Summe eine gute Woche auf der chilligen Nordseeinsel Juist und eine weitere im sportlichen Waldviertel im Norden Österreichs. Im Gepäck fast ein Kilo Buch. Mein Wiener Buchfreund und -spürnase Gerhard Hintringer hatte es mir bereits gleich nach dem Erscheinen im letzten Jahr ans Herz gelegt. Und auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse kreuzte es samt Autor Dimitré Dinev auf der Sonderbühne zum Thema „Donau – Unter Strom und zwischen Welten“ meinen Weg durch die Gänge. Schließlich besorgte mein Stammbuchhändler Nicolas Greno in Donauwörth ein Exemplar der immerhin 6. Auflage (Respekt!).

Bücher über 500 Seiten stehen definitiv nicht auf meiner bucket list. Ich hoffe nur, dass sich Dinev ebenso mühsam seinen Stoff erarbeiten musste wie ein Großteil seiner Leserschaft. Es lohnt sich.

Fazit meines Buchmarathons: das Buch behandelt die dunkelsten Seiten von Diktaturen im 20. Jahrhundert mit Arbeitslager, Mord, Folter und übelster Unterdrückung und zeigt, wie Humanismus und Liebe im Kleinen das Überleben ermöglicht. Das Große bleibt meist unmenschlich und ungerecht. Dinev erzählt derb, grausam, ironisch und immer wieder märchenhaft. Meine Durchhänger lagen auf der langen Strecke, wenn sich Dinevs Personalkarussel zu schnell durch Raum und Zeit dreht – reichlich ähnliche wirkende Namen, Schauplätze und Charaktere. NZZ („klebrig“) und DIE ZEIT („misslungen“) beklagen bei Gesamtbegeisterung lediglich die regelmäßig eingestreuten Sexszenen. . . Na na na, irgendwie müssen ja Autor und die Leserschaft über die endlosen Runden kommen. In jedem Fall groß ist die Neugierde nach den ersten Sätzen und die Zufriedenheit nach den letzten.
Frankfurter vs. Wiener
An jedem Wiener Würstelstand gibt’s Frankfurter mit Senf und Kren, mit Brot sowieso, mit Pfefferoni und Dosenbier. In Frankfurt gibt’s die Buchmesse ’26 für blogger aus Wien und anderswo gratis nur noch nach strengen Kriterien. Also Obacht, liebe Content Creater*innen: mindestens 2.000 Follower sind nachzuweisen und zwölf Beiträge seit der letztjährigen FBM! Ohje, dann müsste ich noch schnell einige Posts schreiben nach dem Motto „OMG, was für ein hübsches Päckchen meines Lieblingsverlags, brauner Karton mit Mikrowelle und graues, stabiles Packpapier. Und die 400 Seiten in Pink sind sicher eine ganz tolle Romantasy mit nie dagewesenen Tropes.“ Ich zähle nix, keine Gefolgsmenschen, keine Posts. Also, Adieu Buchmesse Frankfurt.
Und das ist erst der Anfang: erste Sätze für August
Lesen gehört zu den schönsten Vergnügungen des auslaufenden Sommers. Oft hilft bei der Stoffauswahl der erste Satz eines Buchs als Appetithappen der Story, die uns erwartet. Ein guter erster Satz verrät uns Sprache und Atmosphäre. Wenn nicht, bleibt uns wenigstens die Hoffnung, dass auch ein mittelmäßiger Anfang zu einem packenden Story-Ende führen kann. Meine Favoriten im Moment: „In dieser Sommernacht war Eva Nagel zur Donau gegangen mit der Absicht, sich ins Wasser zu werfen, aber stattdessen warf sie sich in die Umarmung des Infantrieleutnants Alois Konzusnik. Anstatt ihre Gefühle einem uralten Strom anzuvertrauen, lag auf einmal ihr Kopf auf der spärlich bewachsenen Insel einer fünfundzwanzigjährigen Männerbrust.“ Dimitré Dinev/Zeit der Mutigen. „Groß ist das Vorurteil, welches dasselbe Bürgertum, das des Abends im Rausche hellster Begeisterung der schönen Diva, der göttlichen Primadonna, der geliebten Tragödin laut zujubelt, im tiefsten Innersten seines Herzens dem leichten Völkchen der Komödiantin im Allgemeinen, der Komödiantin im Besonderen entgegenbringt.“ Dr. Bernhard A. Bauer/Komödiantin – Dirne? „Für die Vergangenheit eines jungen Weibes, dessen Gegenwart er genießt, hat fast jeder Mann Interesse, für die Zukunft selten einer!“ Otto West/Vera Mens.

Spätsommer-Rätsel: Wo befindet sich dieses Schild? Vorschläge bitte an trooboox@t-online.de



