Kategorie: Lebensart | Lifestyle

Bobos: fabelhafte Halbprofis und nette Klugscheisser?

Ein Babyphon ist ein walkie talkie, das Nachwuchs-Geräusche von einem Raum in den anderen überträgt. Ergo vermittelt ein BOBOPHON – so der Titel des neuen Buchs von Thomas Raab – Geräusche aus besonderen Stadtvierteln.

Die übermittelten Lebenszeichen kommen vorrangig aus den Wiener Grätzeln  Neubau (7. Bezirk) und Bobograd (2. Bezirk, Leopoldstadt). Stadtteile, in denen sich Bobos tummeln und zusammenrotten. „Der ‚bougeoise Bohemien‘ ist ein neuer Typus, der idealistisch lebt, einen sanften Materialismus pflegt, korrekt und kreativ zugleich ist und unser gesellschaftliches, kulturelles und politisches Leben zunehmend prägt. (David Brooks, Die Bobos, 2001). In München kämen diese Lautmeldungen aus dem Glockenbachviertel und aus Haidhausen, in Berlin wahrscheinlich vom Prenzlauer Berg und aus Friedrichshain.

Irgendwas mit Medien

Erstaunlich wie viele verschiedene Bobo-Typen  Thomas Raab in jahrelangen Recherchen in seine Botanisiertrommel gesteckt hat. Trendbewusst (siehe George Saunders Fuchs 8) verpackt Raab sein Panoptikum in Fabeln samt dafür notwendigen, ausgeprägten Stereotypien. Vorurteile dürfen sein, Thomas Raab stellt die Mitglieder der intellektuellen Elite ins Schaufenster. Das sind die mit den modernen, vorzeigbaren Berufen aus Medien, Marketing, Beratung und Kultur: der Platzhirsch, der vorrangig an der Futterstelle zu finden ist. Den Designer als Einzeller, kreativ für die neuesten Dinkelweckerl, die Ratten im dunklen Netz mit ihren finsteren Machenschaften, die Revolutionsschnecke mit ihrer permanenten Versagensangst und viele weitere Urbantierchen. Auch echte Tiere wie Ein armer Hund sind zu finden, vor dem Futterautomaten auf die Weekend-Rückkehrer wartend.

Einge urbane Klugscheisser sind dabei, meist Typen, denen eine ausgeprägte Hybris gemein ist. Aber man kann ihnen nicht wirklich böse sein, bringen sie doch Farbe in Beton-, Ziegel- und  Harmoniewüsten. Da passt es, dass die Zeichnungen von Christian Wallner in grobem schwarzweiss gehalten sind und damit eine erzählerische Ergänzung, mehr als nur Illustration.

Fabelhafte Halbprofis und nette Klugscheisser

Thomas Raab macht das mit seinem intellektuellen, manchmal universitär verschrobenen Witz, schreckt im Einzelfall der geschwätzigen Diskursbiene auch nicht vor einem Craftbier-Stammtischwitz zurück: „Onaniert sie? Nein! Sie habilitiert.“  Thomas Raab führt uns in BOBOPHON mit immer wieder rätselhafter Ironie in communities und ihren Orten, wo die Stadt am urbansten ist. Seine Freunde werden schon wissen, wer gemeint ist und ob sie noch beste Freunde bleiben wollen. Aber es ist ja nur ein tierischer Menschenzoo, der hier auf den scanner kommt. Teilweise am Land lebende Buchblogger konnte ich darunter nicht entdecken.

Thomas Raab, BOBOPHON, mit Zeichnungen von Christian Wallner, 135 S., € 13,90

Das Rezept für Langeweile im Herbst: The New Luxury.

[boostyourcoffeetable:Wir müssen nicht alle Bücher lesen. Oft genügt es, dass wir sie haben, darüber reden und zeigen. Von der Decke hängend, in einer geöffneten Schublade, ganzjährig auf der Terrasse oder eben auf dem coffee table.]

Highsnobiety: The New Luxury: 320 S., reichlich Abbildungen, gestalten | € 39,90 | in deiner Lieblingsbuchhandlung

Was du über The New Luxury wissen solltest.

Luxus, das waren einmal riesige Yachten, dicke Autos und Grand Hotels. Statussymbole und Geldanlagen für Riviera-Filmstars und arlbergsonnengebräunte Unternehmer. Alles möglichst unerschwinglich, exklusiv und nicht nachhaltig. Zeit also für neue Kreativität, neue Ikonen und Marken. Der Berliner Verlag gestalten ist ein zuverlässiges Trendradar dafür, wie urbanes und globales Leben hedonistischen Spass macht. Jetzt also mit The New Luxury.

Warum passt The New Luxury gut auf deinen coffee table?

Luxus ist heute ein Zeichen von Individualismus und definiert sich nicht (nur) über den Preis. Sondern durch die persönliche Inszenierung und über die communities, die wir teilen. Das Buch zeigt etablierte Marken mit neuen Produkten (Wasserflasche von Prada: wahrscheinlich für Quellwasser aus dem Himalaya) und neue brands wie die japanische LifeWear-Kette Uniqlo. Angenehm – im Buch drängeln sich keine fetten Schweizer Uhren, old school. Ich finde, den Spass kann man sich gönnen: das Buch hat Kreativität, die überspringt und bringt uns auf den neuesten Stand bei etwas, was wir eigentlich nicht brauchen.

Dein bester Platz für The New Luxury.

Das Buch ist nice to have, nice to see. Idealer Standort ist dein Frühstücksplatz und jeden Morgen wird eine neue Doppelseite aufgeschlagen. Durchgehend findest du Anregungen für streetwear und sneakers. Sehr urban.

Alle widergegebenen Buchinhalte und -abbildungen (c) Die Gestalten Verlag GmbH&Co. KG, Berlin 2019

(c) Kurt Pohl 2019

Leben „to go“: die besten Fotos liegen auf der Straße.

Bis 16.Februar sind die besten Straßenfotografien im Kunst Haus Wien versammelt. Keine Zeit für die Ausstellung? Nicht weiter schlimm!  Das Buch zur Ausstellung Street.Life.Photography bleibt und zeigt neben Stars des Genres wie Martin Parr, Robert Frank, Lee Friedlander und Diane Arbus auch jüngere Fachkräfte wie der Deutsche Siegfried Hansen und Maciej Dakowicz, der v.a. in Asien arbeitet.

Straßenfotografie ist das Road Movie unter den Fotografie-Genres und hat ihren besonderen Reiz: kein Studio, knappes Budget, kein oder wenig künstliches Licht, keine Zeit für langwierige Inszenierung, stattdessen Konzentration auf den Augenblick und auf Zufälle. Das Studio ist der öffentliche Raum. Oft entstehen darin subjektive Schnellschüsse von Alltagsszenen und eindrucksvolle Porträts.  Das Buch mit knapp 200 schwarz-weiss- und Farbfotos aus den letzten 70 Jahren gliedert die Fotografien in Sektionen wie Public Transport, Street Life, Urban Space, Anonymity und andere.  Sie zeigen Strassenszenen, die all unsere  Lebenslagen abbilden:  Eitelkeit, Bewegung, Essen, Sex, Stillstand, Sport und Spiel, Warten, Architektur, Politik, Frust, Einsamkeit und auch Langeweile. Auf dieser Bühne sind wir gleichzeitig Zuschauer und Akteure, oft unfreiwillig, manchmal voyeuristisch.

(c) Siegfried Hansen

Einiges im Buch erinnert an Szenen, die wir so oder ähnlich selbst schon erlebt, aber nicht wahrgenommen haben. Zufälle, die wie eine Inszenierung wirken. Es ist nicht ganz billig, dafür schön gemacht und mit einer umfassenden Auswahl. Darin schmökern deine Gäste bis der Risotto fertig ist. Lass dir ruhig Zeit mit der Zubereitung. Den richtigen sound dazu liefert immer noch Randy Crawford.

Street. Life. Photography,  € 49,90 | [Anzeige] in deiner Buchhandlung oder bei oder hier.