Kategorie: Design

Was machen wir eigentlich nach dem Bauhaus-Jubiläum? Dieter Rams feiern und lesen.

Dieter Rams ist wohl der einflussreichste deutsche Designer. Seine Hommage „Less and More“ zeigt alle Facetten seiner Lebensleistung und ist als Sammlerexemplar erhältlich. Das beste vorneweg: das Buch schärft unseren Blick und unser Wissen für gutes, funktionales Design und wir lernen sogar etwas über apple. Denn gutes Design macht unser Leben schöner, praktischer und nachhaltiger.

Gutes Design ist so wenig Design wie möglich.

Dieter Rams (geb. 1932 in Wiesbaden) war der Chefdesigner der Electronic-Marke Braun. Mit seinem Team schuf er in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Klassiker der Unterhaltungs- und Haushaltselektronik.  Er gehört zu der Designer-Generation, die die Gestaltungskultur der Nationalsozialisten mit ihrer Größen-, Macht- und Heldenausrichtung schnellstmöglich ablösen wollten. Als Gegenentwurf schufen sie klares, reduziertes und vor allem funktionelles Design. Rams scheute sich auch nicht davor, sich am Credo „Less is More“ des Stararchitekten Mies van der Rohe zu reiben: seine Devise lautet „Less but better“. Rams: „Ich wollte entrümpeln, das Chaos beseitigen. Chaos von Produkten, Lärm, Verschmutzung. … Damals ging es mir darum, die unmittelbare Umgebung des Menschen aufzuräumen. Heute müsste man die ganze Welt aufräumen.“ Rams lebt heute im Taunus in einem von ihm in den siebziger Jahren entworfenem Haus, das einem lebendigen Museum der von ihm entworfenen Produkte gleicht.

Und die Sache mit apple?

Das Transistorradio T3 von Braun aus dem Jahr 1958 kann als Vorbild für den iPod gelten. Das kleine Radiogerät wurde von Rams zusammen mit der Hochschule für Gestaltung in Ulm entworfen, apples britischer Stardesigner Jonathan Ive verleugnet seine Bewunderung für Rams Designstil nicht. Aber es geht um mehr als nur beste Produktgestaltung: wie sein italienischer Kollege Ettore Scottsass für den Hersteller von Büromaschinen Olivetti gelang es Rams, bei Braun eine Identität der Gestaltungslinie mit der Firmenphilosophie zu schaffen. Und wie fünfzig Jahre später bei Steve Jobs gelang dadurch ein einzigartiger Markenkern. Seit dieser Symbiose finden immer mehr Alltagsprodukte ihren Platz in Kunstmuseen. Ebenso, wie Rams zehn Design-Thesen Bestand haben: z.B. Gutes Design macht ein Produkt verständlich | Gutes Design ist ästhetisch | Gutes Design ist langlebig | Gutes Design ist umweltfreundlich | Gutes Design ist so wenig Design wie möglich.   

                                   

Ein Wimmelbuch für Anhänger des guten Geschmacks

Zum Thema „langlebig und umweltfreundlich“: Immer noch in Gebrauch habe ich meinen Solar-Taschenrechner aus den späten achtziger Jahren. Das ist der mit den Smarties-Tasten. Ein sinnliches Erlebnis im Büroalltag. Auf den über 800 Seiten mit zahllosen Abbildungen findet sich natürlich auch mein Rechner. Anlässlich von Ausstellungen in Osaka, Tokyo, London und Frankfurt wurde praktisch alles von und über Dieter Rams zusammen getragen. Bei über 600 Produkten war Rams mit seinem Team für die Gestaltung verantwortlich. Verführerisch sind die Abbildungen der Hifi- und Stereogeräte, denn Braun war zu seiner Zeit eine Referenzmarke der Unterhaltungselektronik. Die Komponenten standen für exzellenten Klang und exklusive Wohnoptik. Völlig ungewöhnlich waren die ersten Musikanlagen für die Montage an der Wand.

Innovationen im Haushalt

Mit derselben Eleganz und Funktionalität finden sich die Abbildungen zu Toastern, Haarföhns, Filmkameras, elektrischen Zahnbürsten, Heizlüftern, Handmixern, Wanduhren, Reiseweckern und die berühmten Rasierer. Zu ihrer Zeit gehörten Braun-Erzeugnisse immer zu den innovativsten Produkten – auch bei den solarbetriebenen Tischfeuerzeugen (sic!). Davon wurden nur etwa 25 Stück hergestellt. Unzählige Bilder, Detailfotos, Skizzen, vermasste Konstruktionspläne und Modelle zeigen die intensive Arbeit hinter den Innovationen.

Bei trooboox gibt es einige wenige Sammlerexemplare von „Less and More“

Ein Jahr nach Erscheinen legte der Verlag 2010 mit einer zweiten Auflage nach: über 800 Seiten, durchgängig vierfarbig, mit ergänzenden Textbeiträgen, flexiblem Cover, im Pappschuber und original verschweisst. Ein Buch, das unsere Sinne schärft, sehr abwechslungsreich ist und gut ins Arbeitszimmer passt – aufgeschlagen natürlich! Für gute Ideen.

Keiko Ueki-Polet und Klaus Klemp (Hrsg.), Less and More – The Design Ethos of Dieter Rams. 808 S. | Sammlerexemplar von 2010 | € 78 | hier bei trooboox.

Zukunftsautos von gestern

Diese Autos waren gestern mal Autos von morgen. Andächtig verneigt sich der Stardesigner Giuseppe Bertone vor seinem Alfa Romeo Carabo. Bertone war einer der Vordenker für die automobile Zukunft und seine keilförmigen Konzeptstudien passten schon mal unter die Schranke der Werkstore in Turin. Der reich bebilderte Band Fast Forward zeigt, dass die Mobilität mit Autos – noch! – ein Synonym für die gesellschaftliche Vorwärtsbewegung ist: Autos bringen uns nicht nur an Ziele, ihre Weiterentwicklung ist immer noch Symbol für technische und wirtschaftliche Fortentwicklung. Das Buch ist eine umfangreiche und unterhaltsame Chronik der Concept Cars. Die automobilen Versuchsballons werden in ihrem zeitgeschichtlichen background positioniert: die 30/40er Jahre waren von Streamlinern in Tropfenform geprägt, die 50er standen für Chrom-Orgien und Haifischflossen, die 60er für space ships in neuen grellen Farben und die neunziger Jahre schließlich für „me, myself and I“. Immer waren die Designer Kultur-Ikonen, wir erfahren viel über ihre Ideen, ihre Arbeitsweisen und über ihre Einflüsse bei den Autos, die letztlich im Verkaufsräumen der Automarken landeten. Mangels technischer Möglichkeiten räumten  die Stardesigner wenig Raum für neue Antriebstechniken ein. „e-Auto“ stand lange Zeit nur für elektrisch verstellbare Außenspiegel und Fensterheber. Erst seit der Jahrtausendwende fließen neben dem Design auch grundsätzliche Gedanken zur Mobilität des Individuums in die Konzeptstudien mit ein.

Und was wir beim Lesen von Fast Forward noch lernen: Autos bleiben Spielzeuge fürs Leben. Auch wenn Googles Entwicklungschef für Automobilität sagt: “ Wir bauen kein Auto. Wir bauen einen sicheren Fahrer.“

 Fast Forward, Autos für die Zukunft, die Zukunft des Autos € 49,80 | click.