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Slow lane 02|26: Mein Lesemarathon – Von Schwarten und Ratten | Frankfurter Messe-clicks | Meine ersten Sätze für den Rest-Sommer

Dimitré Dinevs Epos über den Schrecken im Großen und die Liebe im Kleinen:

Lesegepäck

Leseratte und Leseschwarte sind nicht gerade positiv besetzte Begriffe beim beim Eintauchen in Bücher. Wer den Wälzer (auch so eine komische Bezeichnung) Zeit der Mutigen lesen will, muss von beidem etwas haben: hartnäckig wie eine Ratte muss man/frau sich durch eine Schwarte von 1248 Seiten durchkauen. Ich brauchte dafür in Summe eine gute Woche auf der chilligen Nordseeinsel Juist und eine weitere im sportlichen Waldviertel im Norden Österreichs. Im Gepäck fast ein Kilo Buch. Mein Wiener Buchfreund und -spürnase Gerhard Hintringer hatte es mir gleich nach dem Erscheinen im letzten Jahr ans Herz gelegt. Und auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse kreuzte es samt Autor Dimitré Dinev auf der Sonderbühne zum Thema „Donau – Unter Strom und zwischen Welten“ meinen Weg. Schließlich besorgte mein Stammbuchhändler Nicolas Greno in Donauwörth ein Exemplar der immerhin 6. Auflage (Respekt!). Übrigens der bestgelaunte Buchhändler, der mir je begegnet ist. Trotz Branchentrend.

Deichgräfchen

Bücher über 500 Seiten stehen definitiv nicht auf meiner bucket list. Ich hoffe nur, dass sich Dinev ebenso mühsam seinen Stoff erarbeiten musste wie ein Großteil seiner Leserschaft. Es lohnt sich.

Strand gut

Fazit meines Buchmarathons: das Buch behandelt die dunkelsten Seiten von Diktaturen im 20. Jahrhundert mit Arbeitslager, Mord, Folter und übelster Unterdrückung und zeigt, wie Humanismus und Liebe im Kleinen das Überleben ermöglicht. Das Große dagegen bleibt meist unmenschlich und ungerecht. Dinev erzählt derb, grausam, ironisch und immer wieder märchenhaft. Meine Durchhänger lagen auf der langen Strecke, wenn sich Dinevs Personalkarussel zu schnell durch Raum und Zeit dreht – reichlich ähnliche wirkende Namen, Schauplätze und Charaktere. NZZ („klebrig“) und DIE ZEIT („misslungen“) beklagen bei Gesamtbegeisterung lediglich die regelmäßig eingestreuten Sexszenen. . . Na na na, irgendwie müssen ja Autor und die Leserschaft über die endlosen Runden kommen. In jedem Fall habe ich keine der über 1200 Seiten übersprungen. Groß war die Neugierde nach den ersten Sätzen und die Zufriedenheit nach den letzten.

Frankfurter vs. Wiener

An jedem Wiener Würstelstand gibt’s Frankfurter mit Senf und Kren, mit Brot sowieso, mit Pfefferoni und Dosenbier. In Frankfurt gibt’s die Buchmesse ’26 für blogger aus Wien und anderswo gratis nur noch nach strengen Kriterien. Also Obacht, liebe Content Creater*innen: mindestens 2.000 Follower sind nachzuweisen und zwölf Beiträge seit der letztjährigen FBM! Ohje, dann müsste ich noch schnell einige Posts schreiben nach dem Motto „OMG, was für ein hübsches Päckchen meines Lieblingsverlags, brauner Karton mit Mikrowelle und graues, stabiles Packpapier. Und die 400 Seiten in Pink sind sicher eine ganz tolle Romantasy mit nie dagewesenen Tropes.“ Ich zähle nix, keine Gefolgsmenschen, keine Posts. Also, Adieu Buchmesse Frankfurt – es ist mir wurscht.

Und das ist erst der Anfang: erste Sätze für August

Lesen gehört zu den schönsten Vergnügungen des auslaufenden Sommers. Oft hilft bei der Stoffauswahl der erste Satz eines Buchs als Appetithappen der Story, die uns erwartet. Ein guter erster Satz verrät uns Sprache und Atmosphäre. Wenn nicht, bleibt uns wenigstens die Hoffnung, dass auch ein mittelmäßiger Anfang zu einem packenden Story-Ende führen kann. Meine sommerlichen Favoriten: „In dieser Sommernacht war Eva Nagel zur Donau gegangen mit der Absicht, sich ins Wasser zu werfen, aber stattdessen warf sie sich in die Umarmung des Infantrieleutnants Alois Konzusnik. Anstatt ihre Gefühle einem uralten Strom anzuvertrauen, lag auf einmal ihr Kopf auf der spärlich bewachsenen Insel einer fünfundzwanzigjährigen Männerbrust.“ Dimitré Dinev/Zeit der Mutigen. „Groß ist das Vorurteil, welches dasselbe Bürgertum, das des Abends im Rausche hellster Begeisterung der schönen Diva, der göttlichen Primadonna, der geliebten Tragödin laut zujubelt, im tiefsten Innersten seines Herzens dem leichten Völkchen der Komödiantin im Allgemeinen, der Komödiantin im Besonderen entgegenbringt.“ Dr. Bernhard A. Bauer/Komödiantin – Dirne? „Für die Vergangenheit eines jungen Weibes, dessen Gegenwart er genießt, hat fast jeder Mann Interesse, für die Zukunft selten einer!“ Otto West/Vera Mens.

Spätsommer-Rätsel: Wo befindet sich dieses Schild? Vorschläge bitte an trooboox@t-online.de

Wo bin ich?
Text (c) 2026 Kurt Pohl

Slow Lane 01|26: Was war das für ein Sommer | Rezzori swingt am Nachkriegs-Feuilleton vorbei | Der erste Satz |

Und plötzlich ist 2025 Vergangenheit. Es bleiben schöne Erlebnisse und Eindrücke: toller Schnee und eine leichte Wadenzerrung am Arlberg, die hemdsärmelige Kulturhauptstadt Chemnitz, dann feinster Ostsee-Sand (rieselt noch aus der unfertigen Strandlektüre) und eine beeindruckende Nationalbibliothek (mit der Doppelstatue des lettischen Dichters und Politikers Raini) in Riga und zum Sommerende Sonne und Schwimmvergnügen auf der Insel Paros. Keine wirklich fernen Ziele. Aber ich erinnere mich: für die wirklich große Welt hörte ich in jungen Jahren Seefunkgrüsse auf Norddeich Radio – die gingen sogar bis Panama.

Swingtime in Büchern

Was mir den Schriftsteller Gregor von Rezzori auf den ersten Block sympathisch machte, war zum einen der brüchige Beleg seiner adeligen Abstammung durch das deutsche Adelsarchiv. Hatte Gregor von Rezori d‘Arezzo die Phantasie, der Herkunfts-Wirklichkeit einen Schubser zu geben? Den zweiten Pluspunkt bekommt er für seine swingende Art zu schreiben. Pop-Literatur gab es in den 50er und 60er Jahren noch nicht, Rock’n’Roll war zu rauh, so blieb nur der Swing, den die Big-Bands von Kurt Edelhagen, Willy Berking und Hugo Strasser aufs Parkett brachten. Gregor von Rezzori bot ungewohnte Swing-Literatur, aber wurde er von der Kritik ernst genommen? Zu leichtfüßig trafen seine frühen Bücher auf die vom Nationalsozialismus, vom begonnenen Krieg und von den eigenen Verbrechen an den Juden traumatisierte westdeutsche Nachkriegsgesellschaft. Satire und Ironie passten noch nicht in die verarbeitende oder verdrängende Literaturlandschaft.

Obwohl 1914 im literaturaffinen Czernowitz (heute Tscherniwzi, Westukraine) geboren, wurde der Schriftsteller von Rezzori selten in einer Reihe mit Rose Ausländer und Paul Celan genannt. Im besten Fall für die Kulturstatistik der Stadt. Wahrscheinlich war von Rezzoris Literatur zu leichtfüßig. Heute wäre er zwischen den Plaudertaschen Stuckrad-Barre und Martin Suter verortet, erfolgreicher Podcaster, journalistische Edelfeder auf dem Kultur-Boulevard und Buchautor mit einer weltläufigen Leichtigkeit.

Auch das Hinzufügen des zweiten „z“ in Rezzori nach seinen ersten Bucherfolgen gefällt mir. Das Doppel-Z gibt seinem Namen die Grandezza, mit der er verschiedene Professionen ausfüllte. Von Rezzori war Reporter bei den Nürnberger Prozessen, Hörfunkautor, Journalist, Schriftsteller, Kunstsammler, Drehbuchautor und Gelegenheitsschauspieler. Daneben war er als Bohemien an ausgesuchten Wohnsitzen unterwegs und entwickelte sich vom Dandy zum Grandsegnieur. 1998 starb er unweit von Florenz und ruht unter einer kleinen Steinpyramide im Garten seines dortigen Anwesens.

Apropos Podcast: sein Welterfolg „Maghrebinische Geschichten“ erschien Ende der 1940er Jahre zuerst als Radioserie im Nachtprogramm des Norddeutschen Rundfunks. Im Phantasieland Maghrebinien – irgendwo zwischen Morgen- und Abendland – war Raum für alle Schichten und Ethnien, relativ friedlich verbunden durch eine intensiv gelebte Schlitzohrigkeit. Wie ein poetry slammer plauderte von Rezzori die stand up-Geschichten live durch die Nacht, in denen sich jede/jeder wiederfinden konnte. In der gedruckten Zusammenstellung wurden sie ab 1953 zu einem Welterfolg. Sammler finden hier tolle Erstausgaben: Maghrebinische Geschichten und 1001 Jahre Maghrebinien. Zu meinen Lieblingsbüchern zählen auch Männerfibel und der zweisprachige Essay über Nabokov Ein Fremder in Lolitaland. Weitere Erstausgaben von Gregor von Rezzori findest du hier. Aber Vorsicht, seltene Bücher sind ein knappes Gut, dafür leben sie länger.

Und so fing alles an

Der erste Satz eines Buchs ist wie der Gruß aus der Küche. Appetitanregend. Es muss ja nicht unbedingt so ein Solitär sein, wie das fälschlicherweise Hemingway zugeschriebene Sechs-Wort-Intro: „For sale, baby shoes, never worn.“ Allerdings folgte diesem Einstieg kein Roman und bleibt damit flash fiction. Ein guter erster Satz verrät uns Sprache und Atmosphäre. Wenn nicht, bleibt uns wenigstens die Hoffnung, dass auch ein mittelmäßiger Anfang zu einem packenden Story-Ende führen kann.

Drei erste Sätze für Januar

Hier meine drei Lieblinge für Januar: Eins„Hier war es einmal schön, sprach Oberst Frey und rieb sich fröstelnd die Hände, massierte schließlich jeden Finger einzeln.“ Editha Klipstein/Das Hotel in KastilienZwei: „Als Mary K.s Gatte noch lebte, Oskar hieß er, und sie selbst noch auf zwei sehr schönen Beinen ging (das rechte hat ihr, unweit ihrer Wohnung, am 21. September 1925 die Straßenbahn über dem Knie abgefahren), tauchte ein gewisser Doktor Negia auf, ein junger rumänischer Arzt, der hier zu Wien an der berühmten Fakultät sich fortbildete und im Allgemeinen Krankenhaus seine Jahre machte.“ Heimito von Doderer/Die StrudlhofstiegeDrei:“Als der mutlos gewordene Romancier P., dessen Frühwerk Die Achsel mit dem Literaturpreis der Stadt O. bedacht worden war, eines Abends beim Durchblättern alter Magazine auf das Bild Die Dame mit dem Schwein von Félicien Rops stieß, sah er plötzlich einen Weg, die verloren gegangene Schärfe zurückzugewinnen.“ Bodo Kirchhoff/Dame und Schwein.

(c) 2026 Kurt Pohl

Das Auge liest mit

Unter dem Motto „Erstausgaben, die Freude machen“ platziert der Bücherfan Kurt Pohl auf der Plattform booklooker einen Großteil seiner Sammlung mit Literatur von 1900 bis zum Jahr 2000. Hier stellt Hanni Luckner Fragen an den Kurator von trooboox [tru:buks].

Bücher sind je eher old fashioned, das klassische Buchregal auch kein Interior-Highlight mehr. Wie kam’s zu deiner platzfressenden Sammlung?

Das Jahrhundert von 1900 bis 2000 wurde durch zwei Weltkriege und mehrere gesellschaftliche Um- und Aufbrüche geformt. Das brachte aufregende literarische Strömungen mit sich: die Achse der Moderne Berlin – Wien, die Weimarer Jahre, Exilliteratur der verfolgten und verbotenen Schriftsteller, der zaghafte Nachkriegs-Aufbruch der Gruppe 47, die Bücher der 68er-Autoren und der Beat- und Popgeneration (die alles auf den Kopf stellte). Da ich hauptberuflich viel unterwegs war, konnte ich dadurch in meiner freien Zeit meinen Wunsch nach einer sehr persönlichen Bibliothek realisieren. Eine kleine Privatbibliothek zu Lieblingsthemen- und autor*innen kann ich nur empfehlen, etwa 25 wertigeTitel genügen schon. Der Entspannungsfaktor liegt bei zwölf von zehn Punkten. Vorsicht Suchtgefahr!

Worin liegt der Reiz der alten Bücher, oder darf ich sagen Vintage books?

Vintage ist Insta-Sprech, für mich sind es Erstausgaben, die Freude machen. Erstausgaben sind das Original – Inhalt, Gestaltung und Ausstattung sind so, wie Autor und Verlag es wollten. Aber in Erstausgaben sind weitere stories versteckt: welcher Künstler hat den Einband gestaltet? Geben Widmungen, Anmerkungen oder ein Ex Libris Hinweise auf den Vorbesitzer? Hat das Buch sogar eine wertvolle Signatur? Da liegen weitere Stories versteckt, denn das Auge liest immer mit.        

Sind nicht auch wertvolle Bücher out of time? Wie hältst du die Bücher lebendig?

Natürlich müssen sie entstaubt werden, aber viele der Autor*innen der spektakulären 100 Jahren hätten auch heute Platz und Stimme: Marieluise Fleisser und Erich Kästner würden erfolgreiche Serien schreiben, Egon Erwin Kisch aus Krisengebieten berichten, Karl Kraus würde Trump samt Musk k.o. schreiben. Joseph Roth hätte seine Kolumne für Migrations-wunden in DIE ZEIT und zusätzlich einen podcast zusammen mit Jörg Fauser. Arthur Schnitzler schließlich hätte ein Missverständnis mit Jürgen Ploog. Man muss diese Bücher in die Gegenwart beamen und ihnen neues Leben einhauchen. Das bereitet nicht nur mir Freude.

Welche Raritäten sind 2025 bei trooboox zu finden?

Rolf Dieter Brinkmann hat in diesem Jahr seinen 50 Todestag und bekommt seinen Platz. Auch wenn Wondratschek über ihn urteilte „Er war too much für euch, Leute“, war er wahrscheinlich das letzte Puzzleteilchen für eine deutsche Nachkriegsliteratur. Ihm gegenüber stelle ich die noch zaghaften Grass, Böll, Enzensberger, gegen die Brinkmann anschrieb. Ein interessanter Dialog in schönen Ausgaben. Dazu sehr viele tolle Ausgaben von den Sprachfantasten der Wiener Gruppe um H.C. Artmann. Ausserdem italienische Neoklassiker, sowie Fundstücke der 1920er Jahre. Und vielleicht gibt es als Sahnehäubchen einiges von Joseph Roth – dem all-time-Klassiker der großen Erzählung.

Wie siehst du deine Kunden, wo findest du sie?

Es ist sehr angenehm, für sie zu arbeiten. Sie sind sehr interessiert, fachkundig und halten die Buchkultur am Leben. Deutschlands Osten und Österreich sind überproportional vertreten, aber es geht quer durch bis in die Schweiz. Wenn irgend möglich, lege ich auch bei seltenen Stücken Wert auf einen tadellosen bis ordentlichen Zustand und ihre Lesefreundlichkeit. Viele schätzen meine sorgfältige Zustandsbeschreibung mit Fotos. Seltene Bücher können nicht immer top erhalten sein.

Ich komme ohne Ladengeschäft aus. Auf booklooker.de verkaufe ich, bei trooboox.de poste ich gelegentlich über seltene Bücher. Der Frankfurter Antiquariatskollege Wolfgang Rüger misstraut dem Internet, vor allem wegen des transparenten Preisverfalls. Für mich spricht mehr dafür als dagegen. Der Austauschbarkeit im Netz muss man mit Individualität und Empathie begegnen. Aber amazon mag ich definitiv auch nicht. Mein Grundsatz bei trooboox: Welches Geschäft du auch betreibst, sei gut zu deinen Kunden!

(c) 2025 trooboox

Die Journalistin Hanni Luckner verließ Ende der neunziger Jahre München Richtung Südamerika und schreibt heute – trotz gelegentlicher Anfeindungen – Gerichtsreportagen für die Tageszeitung Boquete Diario. Außerdem betreut sie die monatliche Lyrikseite.