Kategorie: Kunst | Kultur

Imposanz zum Start: chic renoviertes Museum, „signature“ Ausstellung und ein wuchtiger Katalog

Der wuchtige Katalog ist fertig und wartet auf seine verschobene Ausstellung und viel Öffentlichkeit. THE BEGINNING zeigt die Entwicklung der österreichischen Kunst von 1945 bis 1980: den Wiener Phantastischen Realismus, die Wiener Aktionisten, Pop Art made in Austria und gesellschaftskritischen Realismus. Dieser post wird zur Eröffnung erweitert und aktualisiert!

Die Vorgeschichte zum Museum: Die österreichischen Baumarkt-Könige Essl (Baumax) verloren 2014 per Insolvenz nicht nur ihr Bastler-Imperium sondern auch eine komplette Sammlung moderner Kunst. Rettend sprang der größte Bauunternehmer Österreichs Peter Haselsteiner (STRABAG) ein. Kein Wunder, dass „Der Reigen“ ein Stück österreichischer Literatur ist. Haselsteiner ließ flux mit Eigenmitteln das Wiener Künstlerhaus renovieren und „schenkte“ damit der renommierten Graphiksammlung ALBERTINA einen zweiten Standort mit dem Attribut modern. Mit der internationalen Betonung auf der ersten Silbe, wie beim touristischen role model, der Londoner Tate Modern.

Die Hauseröffnung mit einer signature exhibition am 13. März musste auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Dafür liegt der Katalog zur fertigen Ausstellung vor – und was für einer. THE BEGINNING zeigt auf über 600 Seiten mit ebenso vielen Abbildungen mit Wucht die österreichische Kunstentwicklung von 1945 bis 1980.

Wie schwer sich die österreichische Kunstszene noch 1949 mit der Aufarbeitung tat, zeigt folgende Episode: Der im Katalog vertretene Arnulf Rainer verließ schon drei Tage nach Aufnahme an der Akademie der bildendenden Künste diese wieder. Seine Arbeiten wurden als „entartet“ klassifiziert. Zwar bildete sich schon 1946/47 der Art Club als Plattform für junge Künstler, aber der Nationalsozialismus warf noch lange Schatten auf den Kulturbetrieb durch übrig gebliebene Protagonisten in Hochschulen und Medien. Zensur, Verspottung und Behinderung der jungen Gegenentwicklung waren die Folge.  

Katalog und Ausstellung geben den sich aus dem Art Club formierenden Gruppen ausführlichen Raum. International am schnellsten etablierte sich die Gruppe „Wiener Schule des Phantastischen Realismus“ mit Protagonisten wie Friedensreich Hundertwasser und Ernst Fuchs. Weitere Gruppen bildeten die Wiener Aktionisten um Otto Muehl und Hermann Nitsch sowie die feministische Avantgarde um Valie Export. Zu den Themenschwerpunkten des Katalogs gehört neben der Aufarbeitung der kunsthistorischen Auswirkungen des Nationalsozialismus und die wachsende Internationalisierung der Österreichischen Kunst. Sammler wie Essl haben dazu einen wichtigen Beitrag geleistet.

Die Vielzahl der abgebildeten Exponate wird um Texte u.a. vom österreichischen Kulturphilosophen Konrad Paul Liessmann ergänzt. Liessmann beschäftigt sich in seinen Vorlesungen immer wieder mit Grenzen und der Umstrittenheit moderner Kunst.

Der Katalog ist vermutlich die umfassendste Dokumentation der taktgebenden Strömungen österreichischer Kunst nach dem 2. Weltkrieg. Was das Fehlen einiger prominenter und relevanter Künstler nicht ausschließt. Private Sammlungen sind eben auch privater Geschmack.

Die Ausstellung ist fertig aber auf unbestimmte Zeit verschoben. Was können wir jetzt schon mit dem Katalog tun? Uns auf einen Trip ins sommerliche Wien vorbereiten und unser Wissen über die bildende Kunst in Österreich um wichtige Kapitel erweitern. Wir können mit dem Katalog in diesen Zeiten unser Wohnumfeld aufpolieren und immer wieder neue und überraschende Exponate sichtbar halten. Bücher gehören gesehen.

Klaus Albrecht Schröder (Hrsg.), THE BEGINNING, 608 S., € 55 | im online shop deiner Lieblingsbuchhandlung

90 Minuten Wald am Wörthersee. Eintritt frei.

Das Wörthersee Stadion in Klagenfurt hatte bisher wenig zu lachen. Zur Fussball-EM 2008 für 66,5 Mio € und drei Vorrundenspiele erbaut, ist es für den Zweitligisten SK Austria Klagenfurt mit 30.000 Plätzen überdimensioniert. Nicht nur über die Finanzierung legte sich damals der schwere Schatten des damaligen Landeshauptmanns (= Ministerpräsident) Jörg Haider. Das Stadion sah immerhin die 1:2-Niederlage Deutschlands gegen Kroatien, die 0:1 Niederlage Österreichs gegen das deutsche Team blieb dem Stadion erspart. Diese war den Wienern vorbehalten. Zur Zeit sieht man im Wörthersee Stadion den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Bis Ende Oktober ist die temporäre Kunstintervention FOR FOREST – „Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur“ von Klaus Littmann zu sehen. Der in Basel lebende Beuys-Schüler Littmann ist auf Kunstprojekte der Alltagskultur im öffentlichen Raum spezialisiert. Grundlage für diese Intervention war eine Bleistiftzeichnung des österreichischen Künstlers Max Peintner (*1937) aus den Jahren 1970/71. Die Zeichnung zeigt den Wald als urbanes Ausstellungsstück.

Bereits 2013 konzipiert, trifft die Aktion den Nerv der Zeit: in Sibirien und Brasilien wird thermisch abgeholzt, in Rumänien werden mehr Bäume als zulässig geschlagen, bei uns sterben wieder reihenweise Bäume durch Monokultur, Trockenheit und Schädlinge. Aktionen, Proteste und Bewegungen zur Umkehr beim Klimawandel beeinflussen unser politisches und ökonomisches Klima.

In Klagenfurt ist von den Zuschauertribünen aus auf dem Spielfeld ein Mischwald zu sehen oder vielmehr ein Ensemble aus 299 Bäumen. Denn auch ein prominenter Landschaftsarchitekt wie der Schweizer Enzo Enea kann nur ein Bild eines Waldes gestalten. Nur der Wald kann einen Wald formen. Dem reality check hält der Stadion-Wald nicht ganz stand: der Waldboden ist ordentlich mit maschinell gehäckseltem Rindenmulch bedeckt, die Waldränder mit perfekten Gärtnereifarnen und -gräsern umfasst. Buschwerk steht ordentlich zwischen Birken, Erlen, Buchen, Ahornen und Eichen. Wenn Kunst die Wirklichkeit abbildet, ist immer auch Täuschung im Spiel. Über Kunst und ihre „fake views“ siehe auch Die Lust der Täuschung.

Die Anreise nach Klagenfurt (möglichst per Bahn) lohnt sich doppelt. Alles, was uns die kritische Klimasituation vor Augen führt ist mehr als sinnvoll. Gut wäre ergänzend folgende Aktion gewesen: 25.000 Waldfans mit Schals (gibt’s im Fanshop im Stadion!), Fahnen und Bengalos feiern neunzig Minuten den Wald mit live-Übertragung. Die negative Utopie eines Waldes als Ausstellungsstück hilft der Diskussion und hinterlässt auch in der Nordkurve Eindruck. Das ist die eine positive Seite der Aktion. Und andererseits fahren wir durch den Waldreichtum Kärntens und der Steiermark. Wir geniessen dichte und unendliche Tannen- und Mischwälder, sicher voller Waldtieren, Pilzen, Beeren, Totholz und unordentlichem Naturchaos. Die Reise unterbrechen, aussteigen und zur Verlängerung durch den Wald streifen. Den echten.

FOR FOREST Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur | bis 27. Oktober 2019

Leben „to go“: die besten Fotos liegen auf der Straße.

Bis 16.Februar sind die besten Straßenfotografien im Kunst Haus Wien versammelt. Keine Zeit für die Ausstellung? Nicht weiter schlimm!  Das Buch zur Ausstellung Street.Life.Photography bleibt und zeigt neben Stars des Genres wie Martin Parr, Robert Frank, Lee Friedlander und Diane Arbus auch jüngere Fachkräfte wie der Deutsche Siegfried Hansen und Maciej Dakowicz, der v.a. in Asien arbeitet.

Straßenfotografie ist das Road Movie unter den Fotografie-Genres und hat ihren besonderen Reiz: kein Studio, knappes Budget, kein oder wenig künstliches Licht, keine Zeit für langwierige Inszenierung, stattdessen Konzentration auf den Augenblick und auf Zufälle. Das Studio ist der öffentliche Raum. Oft entstehen darin subjektive Schnellschüsse von Alltagsszenen und eindrucksvolle Porträts.  Das Buch mit knapp 200 schwarz-weiss- und Farbfotos aus den letzten 70 Jahren gliedert die Fotografien in Sektionen wie Public Transport, Street Life, Urban Space, Anonymity und andere.  Sie zeigen Strassenszenen, die all unsere  Lebenslagen abbilden:  Eitelkeit, Bewegung, Essen, Sex, Stillstand, Sport und Spiel, Warten, Architektur, Politik, Frust, Einsamkeit und auch Langeweile. Auf dieser Bühne sind wir gleichzeitig Zuschauer und Akteure, oft unfreiwillig, manchmal voyeuristisch.

(c) Siegfried Hansen

Einiges im Buch erinnert an Szenen, die wir so oder ähnlich selbst schon erlebt, aber nicht wahrgenommen haben. Zufälle, die wie eine Inszenierung wirken. Es ist nicht ganz billig, dafür schön gemacht und mit einer umfassenden Auswahl. Darin schmökern deine Gäste bis der Risotto fertig ist. Lass dir ruhig Zeit mit der Zubereitung. Den richtigen sound dazu liefert immer noch Randy Crawford.

Street. Life. Photography,  € 49,90 | [Anzeige] in deiner Buchhandlung oder bei oder hier.