Kategorie: Reisen | Entdecken

New York auf Kniehöhe.

Seit achtzehn Monaten begleitet uns eine quirlige, kniehohe Siberian Husky-Terrier-Mischung durchs Leben. Natürlich auch auf – C19-bedingt – spärlichen Fernreisen. Wir sind ja jetzt ihr Rudel, auch im Auto. Ehrlich gesagt trauen wir uns noch nicht, sie in Obhut zu geben und ohne sie zu verreisen. Weder engste, liebe Verwandte noch charmante Hundepensionen genießen unsere Vertrauen für unser vierbeiniges Juwel. Das Problem liegt eindeutig bei uns.

London und New York mit dem Vierbeiner erkunden.

Reisen mit Hund sind nicht stressfrei. Bedürfnisse der Vierbeiner sind begrenzt, aber zentral. Reichlich feines Futter, ruhiges Plätzchen für Dauer-power-napping, Raufen mit Artgenossen und verschwiegene Plätzchen fürs G’schäftchen. In der Großstadt erfolgt die Suche danach aus der kniehohen Perspektive. Umgeben von Beton, Autolärm, hektischen Fußgängern und lautlos daher rasenden Pizzaboten. Falls demnächst London oder New York City auf dem Reiseplan stehen, gibt es Rat in Buchform: Dog-Friendly New York und Dog-Friendly London sind zwei Neuerscheinungen des indie-Verlegerpaars Ann und Martin der Hoxton Mini Press in East London.

Gebt den Hunden das Kommando

Beide Bücher haben beste Tipps für den urbanen Hundeauslauf in Parks, empfehlen hundefreundliche Restaurants, Cafés, Bars und nette Hotels. Alles wichtig, weil in Großstädten rar oder z.B. wie in New York in gastronomischen Innenbereichen seitens des Gesundheits-Departments verboten. Dazu gibt’s Tipps für Gassi-Routen: wie wär’s in London mit einem dog walk von Little Venice nach King’s Cross entlang des Regent’s Canal? Beide Bücher entstanden in Zusammenarbeit mit dem Magazin FOUR&SONS, in dem Hunde und ihre Besitzer*innen auf kulturelle Themen rund um Vierbeiner prallen. Natürlich very British mit einer Menge origineller und edler Hundefotos samt den Menschen am anderen Ende der Leine. Die beiden Ratgeber machen Lese-Freude, auch wenn die nächste Reise nur aufs Land geht oder gerade kein Hund um einen herumwedelt.

Warum nicht mal mit Hund in den Corona Park (heißt schon lange so) im New Yorker Stadtteil Queens, zum Frühstücken ins Five Leaves in Greenpoint oder auf vier Pfoten über die Brooklyn Bridge? Gebt euren Hunden das Kommando und Leine los, es gibt viel zu entdecken.

FOUR&SONS, Winnie Au: Dog-Friendly New York | Hoxton Mini Press, 192 S., £ 17,95

FOUR&SONS: Dog-Friendly London | Hoxton Mini Press, 176 S., £ 17,95

(c) Kurt Pohl 2022

Alles, was unser Leben sprizziger macht: The Monocle Book of Italy.

 

Das Team des Monocle-Magazins gestaltet sein Book of Italy wie eine Fahrt im high-speed Zug Frecciarossa durch Italiens Kultur, Kulinarik und Lifestyles. Mein persönliches Italien ist nicht so üppig wie das Buch: die Schallplatten von Lucio Battisti, ein klassisches Rennrad von Tommasini, Pasta von kleineren Manufakturen.und vor allem die Bialetti-Moka – gezeichnet von hunderten Espresso-Einsätzen auf unserem Wiener Gasherd.

Halb verfaulter Hai oder lieber Zuppa di pesce?     

Gleich auf den ersten Seiten stellt Monocle-Chef Tyler Brûlé die Killer-Frage: Wenn wir für den Rest unseres Lebens nur noch eine Landesküche hätten, welche wär’s? Island fällt in dieser Frage schon mal aus dem Rennen: wer will  schon sein Leben lang vergorenen und für Monate in der Erde vergrabenen Hai namens Hákarl auf dem Teller? Also lieber Essen vom Italiener – und das am besten in Italien. Ein Fazit gleich zu Beginn: The Monocle Book of Italy zeigt, dass kein anderes Land unsere Alltags-Träume vom guten und schönen Leben erfüllt wie eben Italien.

Zur richtigen Zeit die Uhr anhalten

Die Herausgeber Chiara Rimella und Joe Pickard  unternehmen mit The Monocle Book of Italy eine Rundreise durch alle Lifestyles. Auf ihrer Grand Tour durch den Stiefel reisen sie durch die Vielfalt der Regionen und geben ein look and feel der wichtigsten Metropolen von Bozen bis Palermo. Das Kapitel Design belegt, dass Minimalismus keine Italienische Strömung ist. Alle Design-Ikonen, die wir täglich zuhause und im Büro nutzen, haben neben der Funktion immer auch etwas spielerisches in Form und Farbe. Italienisches Design zielt auf ein Lächeln bei der Nutzung. Übrigens: der Schnellzug Frecciarossa wurde im Turiner Studio Bertone designt – auch verantwortlich für die legendäre Guilietta von Alfa Romeo. Und flux geht’s zum Kapitel Mobilität: Boote der Marke Riva und sportive Autos machen uns neidisch, die Dauerbrenner von Vespa bis zum Lasten-Dreirad Ape – dem Klassiker in vielen Schwarzweiss-Filmen. Nur Alitalia ist inzwischen Geschichte. Ich erinnere mich gerne an die Reise von Bari nach Venezia, stundenlang zieht die Adria am Fenster des Schnellzugs vorbei.

Das Geheimnis der Italiener*innen liegt darin, im richtigen Zeitpunkt die Uhr anzuhalten: ein Zwischenstopp auf der Piazza, am Strand zwischen bunten Sonnenschirmen und immer Zeit für einen caffè al banco im Stehen.

Mode-Start-ups in der Provinz sind alles andere als provinziell!

Wie immer hat das Monocle-Team hat ein gutes Gefühl dafür, die richtigen Menschen aufzuspüren, an längst bekannten Orten neues zu entdecken und Stimmungen zu vermitteln. Beispielsweise ein Besuch bei Gabriele Gmeiner, Schuhmacherin in Venedig. Bei ihr wartet man gerne zwölf Monate auf ein Paar handgefertigte Massschuhe. Und abseits der Metropolen entdeckt Monocle unabhängige Modelabels wie Zoe (Bassano del Grappa) und Sugar (Arezzo). Spannend ist auch die Übersicht, wie sehr italienische Markenprodukte unseren tristen Alltag erhellen: von Alessi über Nutella bis zur Vespa. Gut, wichtig und schön. Immer erfinden Italiener*innen Sachen, die unser Leben angenehmer und sprizziger machen. Das gilt besonders für das Kapitel Hospitality/Gastfreundschaft mit vielen Highlights der italienischen Küche. Wenn Lesen satt machen könnte. . . Zusätzlich gibt es Tipps für essentials im Vorratsschrank für graue Wochenenden. Rechtzeitig die Regale auffüllen. Das Book of Italy ist vor allem ein Bilderbuch über das angenehme Leben, die ergänzenden – englischen – Texte haben meist Cappuccino- oder maximal Aperol-Länge.

Die Texte haben Cappuccino-Länge

In der B-Note bekommt das Buch minimale Abzüge: es beantwortet nicht die Fragen, warum Korruption jährlich Milliarden Schäden anrichtet oder wie es sein kann, dass die italienische Nation seit 1946 sechsundsechzig Regierungen verschlissen hat. Gut, das sind Fragen, die man seinem coffeetable üblicherweise nicht stellt. Dafür punktet das sehr abwechslungsreich gestaltete The Monocle Book of Italy bei unseren Erwartungen an italienisches Leben: fare una bella figura. Gerade, wenn es bei uns kalt und nebelig ist.

Chiara Rimella, Joe Pickard (Hrsg.): The Monocle Book of Italy, 294 Seiten, € 65 | in deiner Lieblings-Buchhandlung oder hier.

(c) Kurt Pohl 2021

Das große COVID-Suchspiel: wohin führt unsere Reise? Bagdad, Täbris, Isfahan?

Bloß weg hier! Und in Wien um die Welt reisen.

Auf meinem Geburtstagstisch landete ein auf den ersten Blick unspektakuläres Fotobuch mit dem sperrigen Titel Almost. Es passt nicht nur auf jeden schmalen coffeetable, sondern beantwortet abschließend die Frage, was macht ein Reiseschriftsteller, wenn er wegen der COVID-Regeln nicht mehr reisen durfte. Wojciech Czaja suchte die Abenteuer vor der Haustür – auch wenn in diesem Fall vor der Tür nur Wien lauert. Und fand 100 Städte in einer. Auf dem Titelfoto glauben wir uns gerade durch Isfahan zu bewegen, in Wirklichkeit erliegen wir einer Illusion im Wiener Stadtteil Döbling.

Ein Reiseführer für Wien und anderswo

Es zeichnet den Kreativen aus, dass er Objekte, Situationen und Motive entdeckt, für die der Normalverbraucher weder Blick noch Sinn findet. Wojciech Czaja, geboren 1978 in Ruda Slaska im südwestlichen Polen, lebt als Journalist und Buchautor in Wien und reist gerne. Weil ihm als Reisejournalist während der Ausgangssperren die Decke auf den Kopf fiel, flanierte er motorisiert durch Wien auf der Suche nach der weiten Welt: an welchen Orten sah es wenigstens fast (almost) so aus wie in Chicago oder Angkor Wat. Auf den richtigen Bildausschnitt kam es an. Je weiter er durch Wien stromerte, desto mehr von der Welt entdeckte er in Details und fütterte damit seinen Facebook-Account. Follower-überströmt sammelte er likes und es ward eine Ausstellung und ein Buch. New York, Rio und Tokio waren plötzlich ganz nah und ohne Einreise-Quarantäne zu erreichen. Die shownotes informieren über den technischen Support seiner Wiener Weltreise: eine Vespa GTS 125 und ein iPhone 8 mit 64 GB für die Motive, google maps für deren Validierung. Almost hat zwar seinen Ursprung in social media, wirkt aber als Reiseführer in Print noch lebendiger als im Netz.

Was ist eigentlich dessauisch oder irkutskisch an Wien?

Wir sehen eine schnörkellose Treppe mit einem reduzierten Handlauf, quadratische, nüchterne Milchglasscheiben im Hintergrund und lesen „Dessau“. Klar, so stellen wir uns ein Bauhaus-Museum vor. Neben den speziellen Perspektiven fängt Wojciech Czaja Stimmungen ein und schon assoziert unser Gehirn. . . guter Zaubertrick. Sein Buch-Buch zeigt zweierlei: wie immer im Leben, kommt es auf die Perspektive an. Und – kulturelle Mitbringsel aus aller Welt machen unsere Städte lebendiger.

Jetzt bloß keine Covid-Bücher! Außer diesem hier.

Das Buch ist äusserst unterhaltsam und taugt zu einer charmanten Erinnerung an unsere Zeit der scharf begrenzten Radien. Czaja hatte nicht nur eine beneidenswerte Idee, er animiert zum flanieren und entdecken, zu Fuß oder auf zwei Rädern. Wenn uns die Sehnsucht packt, zuhause in Winterthur, Augsburg, Bratislava oder sonst wo – machen wir Schnitzeljagden durch ferne Städte. Wir werden schon was finden. Almost everywhere. Vielleicht sind wir ja zuhause auch nur almost zuhause. Bleibt die quälende Frage: wieso fällt mir so etwas nicht ein? Habe zwar nur ein Fahrrad, aber immerhin ein iPhone X.

Wojciech Czaja: Almost – 100 Städte in Wien,  223 Seiten, Edition Korrespondenzen, € 20 | in deiner Lieblingsbuchhandlung oder hier.

(c) für alle Fotos Wojciech Czaja