Kategorie: Fotografie | Film

Drei Studenten machen eine Fotosafari durch ein fremdes Land – Deutschland.

Dieser Bildband ist ein ideales coffeetable book: Fotos auf der Spur der deutschen Seele. Statt Heiter bis wolkig könnte er auch „brüllend komisch bis schockierend“ heißen.

Der Deutsche fügt sich gern

Drei Studenten der Fachrichtung Dokumentarfotografie der Hochschule Hannover machen sich zwischen 2016 und 2018 auf den Weg in ein fremdes, vertrautes Land. Sie sind auf der Suche nach dem  „typisch Deutschen“.  Jetzt gibt es die gemeinsame Abschlussarbeit von David Hansen, Sven Stolzenwald und Christian Werner als Buch. Eine Sammlung entlarvend komischer und melancholischer Fotos.

Ihre Fahrten führten sie bevorzugt in die Provinz,  vom Bayerischen Wald bis an die Ostsee, von  Duisburg-Ruhrort bis Boizenburg an der Elbe. Sie stiegen immer dort aus, wo ihnen Deutschland nicht nur am deutschesten vors Objektiv kam, sondern auch am provinziellsten.  Je weiter das Land, denkt man, desto enger wird es in den Köpfen. Wir diskutieren über Leitkultur, Heimat und sozio-kulturelle Vielfalt. Aber was ist ein typischer Deutscher? Pünktlich, Vereinsmeier, humorlos, erfolgreicher Rumpelfussballer?

Es ist vor allem ein Buch über das Provinzielle, unabhängig von Stadt oder Land, es könnte also überall auf der Welt spielen. OK, wo sonst gibt‘s Teller voller Mettbrötchen in wuchtigen Wohnzimmern? Provinziell heißt dulden, sich fügen und dem Schwarm vertrauen. Mit ihren Bildern über Schützen-, Feuerwehr- und Heimatfeste frieren die drei Fotografen die Zeit ein. Ebenso mit den tristen Bausünden, eintönigen Gärten und den kirchlich gesegneten Wohnmobilen. Da bleibt wenig Raub für Dynamik und Veränderungen. Viele Motive sind meist unfreiwillig komisch, andere peinlich bis depressiv. Stereotype werden nicht vermieden, ebenso wie Schnappschüsse, die eigentlich im Familienalbum unter Verschluss bleiben sollten.

Heiter bis wolkig bietet viel Gesprächsstoff. Ideal für deinen coffee table.

Wer das Buch durchblättert hat sofort Gesprächsstoff: „das könnte mein Onkel sein“, „ja, so sah es bei uns zuhause aus“, „da möcht‘ ich nicht begraben liegen“. . . Unterhaltsam informativ sind auch viele Bildunterschriften wie „In Deutschland gibt es rund 20 Millionen Verkehrsschilder, alle 28 Meter eines.“ Na gut,  wobei Wortspiele wie „Herrenloses Damenfahrrad“  ähnlich banal wirken wie manche Fotos. Fotos wie aus einen namenlosen Familienalbum vom Flohmarkt.

Den Fotos voran gestellt ist ein Text des Schriftstellers und Kabarettisten Frank Goosen, seinerseits mit vielen treffenden Textbildern. Goosen fasst das deutsche Dilemma in einem einmaligen Satz zusammen „Wer jemals mit der Regionalbahn von Koblenz nach Gießen gefahren ist, der weiß, dass Romane über Freiheit und Weite woanders geschrieben werden.“ Da klingt der alte Jörg Fauser durch mit seinem genialen Text „Kein schöner Land“ Ende der siebziger Jahre. Goosen zeigt aber auch etwas, was in den Bildern kaum vorkommt: die Wahl von Schröder und Fischer Ende der Neunziger hat „… ein bisschen Luft in die stickige deutsche Stube gelassen.“ Und, das strapazierte Sommermärchen brachte nicht nur grüne Trikots für die Nationalmannschaft (statt preussisch s/w), sondern auch eine farbigere Spielweise. Hoffnungsschimmer für ein ratloses Deutschland-Gefühl.

Halte Heiter bis wolkig in Greif- und Sichtnähe.

Heiter bis wolkig ist nicht nur ein amüsantes Reisetagebuch quer durch die Republik, sondern spiegelt auch Teile unserer Herkunft. Das Buch bietet viel Gesprächsstoff über verblühte Landschaften, die uns – nicht immer freiwillig – am Herzen liegen. Also gehört das Buch an einen zentralen Platz in der Wohnung. Zum Blättern, lesen und drüber reden. Es hat ein handliches Format, ist nicht zu dick und findet überall seinen Platz. Ziemlich empfehlenswert mit 4 von 5 möglichen Kaffeetischchen.

Heiter bis wolkig – Eine Deutschlandreise, Fotografien von David Hansen, Sven Stolzenwald und Christian Werner, Text von Frank Goosen, 216 S., 144 Abb. | € 20

[boostyourcoffeetable: Wir müssen nicht alle Bücher lesen. Oft genügt es, dass wir sie besitzen, darüber reden und im Blick haben. Nice to have, nice to see.]

PS: eine Ausstellung über Heiter bis wolkig ist in Hamburg geplant. Vielleicht kann dort die Frage geklärt werden, warum auf dem Mettbrötchen-Foto im Milchkännchen bereits Kaffee schwimmt?

Dark Tourism hat nichts mit Thomas Cook zu tun. Ein Buch über verlassene Orte.

Als neue Reise- und Erlebnisform abseits der gängigen Urlaubskataloge hat sich Dark Tourism längst etabliert: Die Atomruine Tschernobyl mit der verlassenen Trabantenstadt  Pripyat samt Vergnügungspark für die Belegschaft gehört zu den hot spots. Die harte Version von Dark Tourism führt meist an Orte mit düsterer Vergangenheit,  mit Katastrophen und Tod. Eine phantasievollere und leichtere Variante bietet der Grazer Fotograf Thomas Windisch in seinem Bildband Wer hat hier gelebt?

Aufgegebene Orte

Auf seinem Facebook-Foto wirkt Windisch wie ein hochgerüsteter Jäger auf der Pirsch. Kein Wunder also, dass er sich bei der Suche nach seinen Motiven in meiner Phantasie durch eingewachsene Gärten oder dichte Drahtgeflechte kämpfen muss. Windisch bewegt sich in einer Welt ohne Menschen: Zurückgelassene Villen, aufgegebene Hotels, stillgelegte Krankenhäuser und Gefängnisse. Kein Bewohner, kein Gast, kein Insasse und kein Arbeiter in einer aufgelassenen Fabrik ist mehr zu sehen. Was mag ihnen passiert sein, dass sie nicht mehr auf der Bildfläche erschienen.

Bei der Buchpräsentation in Wien verriet mir Thomas Windisch, dass einige Orte nicht mehr im Originalzustand sind: Eindringlinge plündern das  Nichts oder forcieren die Zerstörung, Künstler nutzen die locations für Performances und Installationen. Diese Besucher  hinterlassen neue Spuren und so verändern sich einige Orte von Besuch zu Besuch. Manche dieser lost places werden unter Fotografen „gehandelt“, auch sie inszenieren und verändern gelegentlich die Ursprünglichkeit  ihrer Motive. Wer hat hier gelebt? ist kein expliziter Reiseführer mit Ortsangaben, das gewöhnliche Reisevolk muss draußen bleiben  – zum Schutz der Schauplätze bleiben sie geheim.

Das macht der Freude und Faszination an diesem Buch keinen Abbruch. Die Fotos strahlen mehr Stille und Gelassenheit als Dramatik aus. Ein bisschen Vergänglichkeit  passt  in die dunkle Jahreszeit. Es muss ja Gründe geben, warum an diesen Orten gelebt und gearbeitet wurde. Machen wir unsere eigene Geschichten, warum diese Plätze zurück gelassen wurden und was mit den Bewohnern geschah, bevor sich die Natur alles wieder zurückholt. Also ein Bildband für Betrachter, für die Geschichten noch nicht auserzählt sind.

Thomas Windisch (Fotos), Ilija Trojanow, Thomas Macho (Texte): Wer hat hier gelebt? Augenreisen zu verlassenen Orten,  216 S., € 45.– | bei deinem Lieblingsbuchhändler oder hier.

Zwei Nachträge

Wer noch mehr verwunschene Orte entdecken will, dem empfehle ich auch noch folgendes Buch:

Kenk van Rensbergen No Man’s Land – Zwischen Utopie und Wirklichkeit verlassener Orte, 192 Seiten | € 50 | in deiner Lieblingsbuchhandlung oder hier.

Meine eigene Erfahrung mit Dark Tourism:

Südlich von Dubrovnik entdeckten wir vor einigen Jahren zufällig den verlassenen Badeort Kupari. Die Hotels wurden im Jugoslawien-Krieg zerbombt und ausgeplündert, ebenso wie die Fabrik, in der die einzigartigen Dachziegel für Dubrovnik gebrannt wurden. Die idyllische Bucht war der parteipolitischen Elite vorbehalten. Angeblich soll eine Wiener Investorengruppe den wunderschön gelegenen Badeort revitalisieren.

Macht Volksmusik wirklich glücklich?

[boostyourcoffeetable: Wir müssen nicht alle Bücher lesen. Oft genügt es, dass wir sie haben, darüber reden und zeigen. Von der Decke hängend, in einer geöffneten Schublade, ganzjährig auf der Terrasse oder eben auf dem coffee table.]

Volksmusik von Lois Hechenblaikner: , 152 S., 120 Fotos, Steidl Verlag | € 38.-

Was du über das Buch Volksmusik wissen solltest.

Seit Jahren beobachtet der Tiroler Lois Hechenblaikner mit seiner Kamera, wie Tourismus und mehr noch die Touristen seine Heimat verändern. Zu dieser Feldforschung gehört auch der Besuch von volkstümlichen Konzerten und Hansi Hinterseer-Wallfahrten. Dort porträtiert er mit professionellem Respekt die Besucher, vorrangig aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Wie alle Fans suchen sie Halt in der Gemeinschaft Gleichgesinnter und hoffen, dem Dilemma des Lebens außerhalb der seichten Liedzeilen und Harmonien zu entfliehen. Den Einheimischen bleibt da nur die Flucht, sofern sie nicht an den Events mitverdienen.

Warum passt Volksmusik auf deinen coffee table?

Um sie zu schonen, hält Hechenblaikner größtmögliche Distanz zu den Fotografierten. Dennoch sind viele der volkstümlichen Fans einfach zu crazy: in ihren Fantasy- und Pseudo-Trachten kostümiert entbehren sie nicht ungewollter Komik. In ihren Gesichtern ist abzulesen, wie schwierig es ist, das Leben so lieblich wie in Gabaliers Schlager Hulapalu zu gestalten. Aber die Fotos bieten uns auch Trost: das Dilemma haben immer die anderen.

Der beste Platz für Volksmusik:

Den mutig schrägen Fotoband im Eingangsbereich platzieren. Du kommst nach Hause und bist sofort in Feierabendlaune, eintreffende Gäste führt er gleich mal aufs Glatteis. Meine Lieblinge sind die Seiten 55 und 81. Volksmusik verdient vier von fünf coffee tables.

Alle Fotos aus Lois Hechenblaikner Volksmusik verlegt bei Steidl.