Eine Extrawurst für die Zwiebel
„Ich setz‘ mich für ein Foto nicht neben Birnen!“ Alles war fein für’s Foto hergerichtet, als plötzlich die Zwiebel streikte. Risotto ohne Zwiebel – undenkbar. Also bekam sie ein Extrafoto.

Ich besitze ca. 30 Kochbücher mit durchschnittlich 50 Rezepten. Inkl. Dubletten also ca. 1.500 Rezepte. Viel zu viele, denn unser Speiseplan kommt mit 50 bis 60 Basis-Rezepten pro Jahr aus, etwa zehn- bis zwanzigmal im Jahr werden neue Gerichte ausprobiert. Eines davon passt sehr gut in den Spätherbst – Birnenrisotto. So geht meine Version: gewürfelte Zwiebel anschwitzen, Knoblauch nach Belieben (ich lasse eine Zehe mit köcheln) und dann den Risotto-Reis mit geschälten Birnenwürfeln anrösten. Wenn er anfängt am Boden der Casserole anzukleben, mit Rotwein ablöschen. Mit frischem, geschnittenen Salbei würzen und nach und nach mit heisser Brühe begiessen bis der Reis gar ist. Dabei kann je nach persönlichem Geschmack von körnig bis „schlonzig“ geschmeidig der Endpunkt bestimmt werden. Vom der Hitze nehmen und geriebenen Parmesan, ordentlich Butter und einen Spritzer Zitrone zugeben. Mit frisch gemahlenem Pfeffer servieren und ruckzuck steht der Indian Summer auf dem Esstisch. (Das Foto zeigt die Mengen für zwei Personen.)
Buch des Monats 1908 und 2026
Die Darmstädter Jury „Buch des Monats“ kürte im August 2026 die Neuausgabe des Romanerstlings „Schloss Nornepygge“ vom Kafka-Vertrauten Max Brod zum Gewinner. Erstaunlicherweise legte der 23jährige Brod seinen ungestümen ersten Roman bereits 1908 als Roman eines Indifferenten vor und schuf damit eines der aufregendsten Bücher zum Beginn der Moderne.

Mit einem rasanten Move holte die Jury das Buch in die Gegenwart und schwelgt: der unermesslich reiche Protagonist Walder Nornepygge ist „eine unheimliche Jahrhundertfigur – der wahrste Mann ohne Eigenschaften, gegen den Robert Musils Ulrich ein Waisenknabe ist.“ In ihm erkennt die Jury den Vorschein eines weltentzündenden Rüpels und Techno-Condottiere [Anm. = Söldner Chef] à la Musk und Trump aufglühen sehen, der sich Macht und Einfluss nicht einfach erobert, sondern mit Unmengen von Geld förmlich zu sich her schwemmt. Ein so maßloses wie höchst unterhaltsames, glänzend hingehauenes Werk.“ Donnerwetter. Erstmals „Gedruckt wurde es Neunzehnhundert und acht bei J. Beltz, Hofbuchdrucker in Langensalza.“ Welcher Brod-Sammler hielte da nicht gerne die extrem seltene und super erhaltene Erstausgabe in Händen! Max Brod, Schloss Nornepygge, 1908.
Bitte jetzt kein Wortspiel mit Caroline Wahl
„Der Stapel mit Caro liegt da drüben,“ lächelt mein Stammbuchhändler. Sekunden später halte ich ein Exemplar in Händen. Caro – aha. Caroline Wahl also. Caro der Popstar. Zu Handke hätte kein Buchhändler „Achja, der Peter halt“ gesagt. Im Frühherbst dominiert Caro Feuilleton-Spalten samt Funk, TV und Social Media. 22 Bahnen hat mit gut gefallen, dann setzte ich zweimal aus, jetzt interessiert mich die Qualität des neuen Romans.

Die Hauptfigur/Ich-Erzählerin Samara stelle ich mir als junge Frau mit einem Mikro-Pony vor, so einprägsam wie der Medien-Auftritt von Caro Wahl. Caros Stellvertreterin im Roman liebt die Milchshakes des aktiven AfD-Unterstützers Theo Müller, der sich politisch noch weiter rechts dreht als seine Joghurt-Kulturen. Und so wird 1999 Meter über dem Meer ein Shake aus Road Trip-Flucht, der Geschichte einer Hochstaplerin und einer true-love triefenden Romantasy. Nach einer Frustwoche auf der Auszeitinsel Bali steuert Samara ihr Cabrio (Caro in echt ist übrigens Markenbotschafterin für Daimler) über das postkartenhaft bodenständige Allgäu samt Käsespätzle nach St. Moritz im Engadin. Das Sozio-Navi meldet St. Moritz als Höhe- und Schnittpunkt von neuem und altem Geld mit den Reichen und Schönen: Die Reichen werden von der Künstlerin Samara mal kurz und schmerzlos für beide Seiten ausgenommen, der Schöne wird von Berlin wird nach Moritz transferiert und gnadenlos angeschmachtet.
Der rasante Roman ähnelt am Schauplatz Engadin nicht nur in Sachen Drogenkonsumation sondern auch im Stil der Schreibe Leif Rand. Frau Wahl macht amüsante Dialoge, mir gefällt, dass sie immer sagt was sie zuerst denkt. Das Buch ist ein gut lesbares Stück Unterhaltungs-Literatur und tut dem dem literarischen Herbst 2026 gut. Kein unnötiger Tiefgang, dennoch geistreich und erfrischend, damit es nicht öde wird: bei Vicki Baum in den 1930ern hieß so etwas Kolportage-Roman, zwei Generationen später bei Stuckrad-Barre, Kracht und Henning von Lange sind es Pop-Romane und -Bücher. Man muss sich der Lektüre nicht schämen und genießt Launigkeit und pfiffigen Witz.
Fazit: für Hochstapeleien on the road kann ich mich begeistern, bei true love steig ich aus (ihr angebeteter Prinz ist viel zu schön). Auch wenn ich nicht zu Caros Kernzielgruppe gehöre, das Buch ist besser als erwartet. Und irgendwie passt es in jede Zielgruppe.
Und das ist erst der Anfang: erste Sätze aus Erstausgaben

Es macht mir große Freude, durch meine Sammlung an Erstausgaben zu flanieren und erste Sätze und Romananfänge für diese Kolumne zu suchen. Hier meine Favoriten für die kürzeren Tage. Eins: „Die Uhr über dem Hauptportal hatte schon sieben geschlagen, als er die Klinik verließ.“ Otto Zoff, Die Liebenden. * Zwei: „Das ist doch schließlich die Arbeit eines Schriftstellers“, sagte der Schriftsteller. „Wie ein Adler über die Figuren zu kreisen, die er verfolgen will.“ Cees Nooteboom, Das Lied von Schein und Sein. * Drei: „Seitz, der heute Nachtredaktion hat, ist bei der elften Zigarette, als der dicke Albrecht hereinkommt.“ Ludwig von Wohl, Der unsichtbare Reporter.
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Warum sprayt der Sprayer? Die Editorin Anna Roan begleitet in Ihrem neuen Magazin derfaden.com Regensburger Spray-Künstler und lüftet hinter dem imaginären Hoodie und der Atemmaske Geheimnisse der street art. Zu meiner Beruhigung auf einer kommunalen Galeriefläche und nicht an einer Reihenhaus-Garage. Nach ihrem überaus erfolgreichen Start mit dem Essay über The Cool Girl ist jetzt die zweite Ausgabe verfügbar, damit wir den kulturellen Faden nicht verlieren (Eigenwerbung:-). Ein Essay, eine Reportage: der faden wird ein offenes und buntes Stoffmagazin für Kultur im echten Leben. Wünsche eine tolle Zukunft.


