Und plötzlich ist 2025 Vergangenheit. Es bleiben schöne Erlebnisse und Eindrücke: toller Schnee und eine leichte Wadenzerrung am Arlberg, die hemdsärmelige Kulturhauptstadt Chemnitz, dann feinster Ostsee-Sand (rieselt noch aus der unfertigen Strandlektüre) und eine beeindruckende Nationalbibliothek (mit der Doppelstatue des lettischen Dichters und Politikers Raini) in Riga und zum Sommerende Sonne und Schwimmvergnügen auf der Insel Paros. Keine wirklich fernen Ziele. Aber ich erinnere mich: für die wirklich große Welt hörte ich in jungen Jahren Seefunkgrüsse auf Norddeich Radio – die gingen sogar bis Panama.



Swingtime in Büchern
Was mir den Schriftsteller Gregor von Rezzori auf den ersten Block sympathisch machte, war zum einen der brüchige Beleg seiner adeligen Abstammung durch das deutsche Adelsarchiv. Hatte Gregor von Rezori d‘Arezzo die Phantasie, der Herkunfts-Wirklichkeit einen Schubser zu geben? Den zweiten Pluspunkt bekommt er für seine swingende Art zu schreiben. Pop-Literatur gab es in den 50er und 60er Jahren noch nicht, Rock’n’Roll war zu rauh, so blieb nur der Swing, den die Big-Bands von Kurt Edelhagen, Willy Berking und Hugo Strasser aufs Parkett brachten. Gregor von Rezzori bot ungewohnte Swing-Literatur für die schwer gebeutelte Nachkriegsgesellschaft.
Obwohl 1914 im literaturaffinen Czernowitz (heute Tscherniwzi, Westukraine) geboren, wurde der Schriftsteller von Rezzori selten in einer Reihe mit Rose Ausländer und Paul Celan genannt. Im besten Fall für die Kulturstatistik der Stadt. Wahrscheinlich war von Rezzoris Literatur zu leichtfüßig. Heute wäre er zwischen den Plaudertaschen Stuckrad-Barre und Martin Suter verortet, erfolgreicher Podcaster, journalistische Edelfeder auf dem Kultur-Boulevard und Buchautor mit einer weltläufigen Leichtigkeit.
Auch das Hinzufügen des zweiten „z“ in Rezzori nach seinen ersten Bucherfolgen gefällt mir. Das Doppel-Z gibt seinem Namen die Grandezza, mit der er verschiedene Professionen ausfüllte. Von Rezzori war Reporter bei den Nürnberger Prozessen, Hörfunkautor, Journalist, Schriftsteller, Kunstsammler, Drehbuchautor und Gelegenheitsschauspieler. Daneben war er als Bohemien an vielen Orten unterwegs und entwickelte sich vom Dandy zum Grandsegnieur. 1998 starb er unweit von Florenz und ruht unter einer kleinen Steinpyramide im Garten seines dortigen Anwesens.
Apropos Podcast: sein Welterfolg „Maghrebinische Geschichten“ erschien Ende der 1940er Jahre zuerst als Radioserie im Nachtprogramm des Norddeutschen Rundfunks. Im Phantasieland Maghrebinien – irgendwo zwischen Morgen- und Abendland – war Raum für alle Schichten und Ethnien, relativ friedlich verbunden durch eine intensiv gelebte Schlitzohrigkeit. Wie ein poetry slammer plauderte von Rezzori die stand up-Geschichten live durch die Nacht, in denen sich jede/jeder wiederfinden konnte. In der gedruckten Zusammenstellung wurden sie ab 1953 zu einem Welterfolg. Sammler finden hier tolle Erstausgaben:Maghrebinische Geschichten und 1001 Jahre Maghrebinien. Zu meinen Lieblingsbüchern zählen auch Männerfibel und der zweisprachige Essay über Nabokov Ein Fremder in Lolitaland. Weitere Erstausgaben von Gregor von Rezzori findest du hier. Aber Vorsicht, seltene Bücher sind ein knappes Gut, dafür leben sie länger.



Und so fing alles an
Der erste Satz eines Buchs ist wie der Gruß aus der Küche. Appetitanregend. Es muss ja nicht unbedingt so ein Solitär sein, wie das fälschlicherweise Hemingway zugeschriebene Sechs-Wort-Intro: „For sale, baby shoes, never worn.“ Allerdings folgte diesem Einstieg kein Roman und bleibt damit flash fiction. Ein guter erster Satz verrät uns Sprache und Atmosphäre. Wenn nicht, bleibt uns wenigstens die Hoffnung, dass auch ein mittelmäßiger Anfang zu einem packenden Story-Ende führen kann.

Hier meine drei Lieblinge für Januar: Eins: „Hier war es einmal schön, sprach Oberst Frey und rieb sich fröstelnd die Hände, massierte schließlich jeden Finger einzeln.“ Editha Klipstein/Das Hotel in Kastilien. Zwei: „Als Mary K.s Gatte noch lebte, Oskar hieß er, und sie selbst noch auf zwei sehr schönen Beinen ging (das rechte hat ihr, unweit ihrer Wohnung, am 21. September 1925 die Straßenbahn über dem Knie abgefahren), tauchte ein gewisser Doktor Negia auf, ein junger rumänischer Arzt, der hier zu Wien an der berühmten Fakultät sich fortbildete und im Allgemeinen Krankenhaus seine Jahre machte.“ Heimito von Doderer/Die Strudlhofstiege. Drei:“Als der mutlos gewordene Romancier P., dessen Frühwerk Die Achsel mit dem Literaturpreis der Stadt O. bedacht worden war, eines Abends beim Durchblättern alter Magazine auf das Bild Die Dame mit dem Schwein von Félicien Rops stieß, sah er plötzlich einen Weg, die verloren gegangene Schärfe zurückzugewinnen.“ Kirchhoff/Dame und Schwein.

