Ab 30. April in der Wiener Albertina:True Lies treffen echtes Leben.

Xenia Hausner beweist: So geht Kunstbuch! | Der populärsten Malerin Österreichs ist eine der wichtigsten Ausstellungen 2021 gewidmet. Vorab liegt der beeindruckende Katalog True Lies vor – ein umfangreich bebildertes Arbeitsverzeichnis mit der Unterstützung prominenter Literat*innen. Und einem aufregenden Layout, das uns die Faszination am gedruckten Buch zurückholt. Passend zur Dynamik ihrer Malerei fliegen die Bilder durch die Seiten und tragen uns von einer Short Story zur nächsten. Bis am Ende der Seiten ein wenig Wehmut auf uns wartet. Jedenfalls denkt nach diesem Prachtband bei True Lies keiner mehr an Schwarzeneggers Agenten-Posse aus den Neunzigern.

Rote Wagen als Markenzeichen?

Vorweg: ich schreibe über das Buch, nicht über Hausners Werke. Ihre Bilder betrachte ich mit den Augen des interessierten Laien, mir gefällt ihre Catchiness und mir fallen drei Aspekte auf. Zuerst, dass sie mit kräftiger Farbgebung und Kontur arbeitet. Fast alle Menschen haben gerötete Wangen oder Gesichter, die Augen und Blicke sind wie fotografisch eingefroren. Als gäbe es beim Malen eine Pausentaste. Zum zweiten: viele Bilder wirken wie Szenenfotos aus Film und Theater. Sie malt short-short Stories, die ganze Romane oder Dramen erzählen. Ihre sorgfältig gestalteten Settings werden im Buch ausführlich thematisiert. Ihre Bilder changieren zwischen real und inszeniert, zwischen true und lies. Xenia Hausner bewegt sich – dritter Aspekt – in einer fast ausschließlich weiblichen Welt, sowohl mit ihrem Perspektiven, als auch mit den Modellen.

Xenia Hausners künstlerische Laufbahn begann in den 1970er Jahren mit dem Studium und der Arbeit als Ausstatterin von internationalen Theater-, Opern- und Filmproduktionen. Erst in den 90er Jahren widmete sie sich der Malerei. Vielleicht wollte sie sich (meine Vermutung) gar nicht erst in den Schatten ihres berühmten Vaters Rudolf Hausner (Mitglied der Wiener Schule der Phantastischen Realisten) begeben. Und jetzt steht sie selbst im Ranking ganz weit oben.

Zu Schade fürs Buchregal – lieber immer wieder in die Hand nehmen

Sofort fällt die Großzügigkeit des Buchs ins Auge bzw. in die Hände, denn es zeigt auch haptische Präsenz. Ausladendes Format, ausreichend Platz für die flächigen Tableaus. Dazu stabiles Papier mit einer sehr angenehmen, matten Oberfläche, die die Farbkraft Hausners ohne Verluste wider gibt. Der Verleger von True Lies, Thoman Zuhr, freut sich im Interview mit dem Branchenblatt Buchmarkt über „die seit Jahren steigende Qualität in Reproduktion und Druckindustrie, wir konnten Kunst noch nie in solch hoher Qualität reproduzieren.“

Neben seiner Bildervielfalt ist True Lies auch ein Lesebuch. Literarische Prominenz Österreichs  mit Ransmayr, Kehlmann, Jelinek, Eva Menasse, Barbara Zemann und anderen steuert Kurztexte und Interpretationsangebote bei. Zum Titel des Buchs True Lies erklärt Hausner der Kuratorin Elsy Lahner: „Wir leben doch immer mit unseren jeweiligen Annahmen der Wirklichkeit, die sich meistens als Irrtümer, als Wahrheiten bis auf Weiteres erweisen. . . Ich male Romane, erfundene Geschichten, die der Betrachter mit seinem eigenen Leben zur Deckung bringen kann.“ Dass sie bei ihren Inszenierungen gerne mit Schauspieler*innen arbeitet erklärt sie im selben Interview damit, dass diese keine passiven Objekte, sondern handelnde Akteure sind: „Wer sich auf diesen Prozess im Atelier einlässt, trägt die Entstehung des Bildes mit.“  

„Ein Buch ist eine Kunstform eigener Art“

Das Buch lebt von der Kraft der Hausner-Bilder. Gleichzeitig fällt mir allerdings das für einen die Ausstellung begleitenden Katalog außergewöhnliche Layout auf. Die klassische Anordnung –  Tableaus mit Titel und Entstehungsjahr – ist aufgelöst. Stattdessen spielt das Layout mit Ausschnitten und Details, zum Teil extrem vergrößert auf Doppelseiten. Dadurch entstehen neue Blickwinkel, die beim Betrachten des Originalbildes vielleicht unentdeckt bleiben. Teilweise werden die Bilder randabfallend oder über den Falz in der Mitte geduckt. Das ist mutig und gibt ihnen maximale Wirkung. Das ist das Schöne am Buch. (Siehe auch das kleine Interview mit Xenia Hausner im Abspann). Nicht eine gedruckte Ausstellung, sondern eine ganzheitliche Präsentation von Hausners Arbeiten. Ergänzt werden die Abbildungen durch Fotos aus den Atelier-Sessions, wie ein „making of. . .“. Ein gedrucktes Buch ist schon was wunderbares, wenn es – wie hier – richtig gut gemacht ist. Bei so viel Lob wird es Zeit für mein Haar in der Buchstabensuppe: André Hellers sieben-sätziger Beitrag hat in etwa die gleiche Länge wie seine abgedruckte Vita im Anhang. Ist Seite 204 etwa Prommi-Posing?

Das Buch verkürzt unsere Wartezeit bis zur Ausstellung

Wenn alles gut geht, dann läuft die Ausstellung True Lies ab 30. April 2021 in der Wiener Albertina. Ich werde den schweren Katalog in meine ALDI/Hofer-Tasche (von XH gestaltet) packen und durch die Ausstellung flanieren. Bis dahin hat True Lies Regalverbot, viel zu schade zum Zuklappen. Xenia Hausner verabschiedet sich mit einem Selbstbildnis mit herabhängender FFP2-Maske aus dem Buch. Mit einer Mischung aus Skepsis und Wehmut im Blick. Dabei sollte sie sich freuen. True Lies ist ein Ausstellungskatalog der überhaupt nicht wie ein Ausstellungskatalog aussieht. Und das tut Künstlerin, Verlag und Albertina gut und vor allem unseren coffeetables.

Elsy Lahner, Klaus-Albrecht Schröder (Hrsg.): Xenia Hausner TRUE LIES,  240 Seiten, Hirmer Verlag, € 45 | in deiner Lieblingsbuchhandlung oder hier.

(c) 2021 Kurt Pohl

Xenia Hausner/Berlin antwortet trooboox/Wien:

Frau Hausner, beim Abdruck ihrer Bilder im Buch haben Sie ein sehr dynamisches und modernes Layout zugelassen: randabfallender Druck, Abbildungen über den Mittelfalz, Ausschnitte und Details. Das gibt Ihren Werken neue Perspektiven. Hatten Sie keine Angst, dass ihre Bilder dadurch ein zweites Leben bekommen, ja sogar neue Bilder entstehen?

Xenia Hausner: Ein Buch ist ein Kunstwerk eigener Art, dadurch entstehen neue Perspektiven und sehr erwünscht – ein völlig neuer Blick auf vielleicht schon Bekanntes. Ganz bewusst ist der Katalog nicht wissenschaftliche Bestandsaufnahme, sondern ein Künstlerbuch, das sich die Freiheit nimmt das Werk zu verändern. Nicht umsonst heißt das Buch „True Lies“!

KP: Sie verabschieden sich aus dem Buch mit dem Ausschnitt eines Selbstbildnisses mit herabhängender FFP2-Maske. Aktuelle Bezüge dieser Art sind in Ihrem Werk bisher kaum zu finden. Ist dieses Bild ein bedrückter Kommentar zur Lage?

Xenia Hausner: Das Bild ist zwar ein Kommentar zur Lage, aber ich bin nicht die tagesaktuelle Reporterin. Das Zeitgeschehen fließt gefiltert durch meinen subjektiven Blick in die Arbeit ein.  Andere aktuelle Bezüge dieser Art sind durchaus in meinem Werk zu finden, so zum Beispiel in den „Exiles“ Bildern. Migration im Sinn von Wurzellosigkeit oder Unzugehörigkeit als Grundsituation unserer Existenz sind das Thema.

KP: „True Lies“ war schon der Titel einer Agentenkomödie mit Arnold Schwarzenegger. Machen halbe Wahrheiten und wahre Lügen unser Leben einfacher?

Xenia Hausner: Alles woran ich arbeite ist ambivalent und fragmentarisch, bei mir gibt es keine eindeutigen Botschaften, das Leben ist ja auch nicht schwarz-weiß, sondern verwirrend vielfältig. Über Erfindung und Fiktion – also über die Lüge – lernen wir die Welt besser zu verstehen. Darum geht’s ja irgendwie in der Kunst.

Bildnachweis: Alle Abbildungen/all pictures Xenia Hausner © Bildrecht, Wien, 2020

Die abfotografierten Seiten sind dem Buch True Lies entnommen (c) 2020 ALBERTINA, Wien; Hirmer Verlag GmbH, München

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