Lesestoff für Chicago: Bukowski lebt und John Fante ist ein zuverlässiger Geheimtipp.

Eine Buchhandlung nur für Bücher – selten, aber gut!

Nur zweimal um die Ecke beim protzigen Trump-Tower liegt die interessanteste Buchhandlung Chicagos: after words. Erstaunlich, dass man in unmittelbarer Nähe zur Skyline einen richtig guten independent bookstore findet. Im kleinen, verglasten Büro neben dem Eingang hängt das Plakat: „Bukowski lives“. Auch das Konzept ist überraschend und sehr kundenfreundlich: auf zwei Etagen begrüssen einen über 70.000 neue und gebrauchte Bücher. after words ist schlicht und nordisch eingerichtet, einfache Lesetische, kein Schnickschnack, keine lustigen Kaffeebecher, keine lyrischen Teebeutel, nur Bücher und noch mal Bücher. Nicht nur Bukowski und viel fiction und poetry findet sich in den Regalen, sondern auch Kunst- und Fotobände, sehr viele Biografien und internationale Titel. Ich habe mich für Mickey Spillane als Reiselektüre entschieden. „New and used“ ist ein guter Strategie-Tipp für unseren Buchhändler um die Ecke.

Ich war überrascht, bei after words die fast komplette Auswahl der Bücher des Italo-Amerikaners John Fante zu finden. In den USA ist Fante längst zu den literarischen Klassikern aufgestiegen. Fante begleitet mich seit den 80er Jahren durch mein Leben mit Büchern. Ich mag seine Romane und Geschichten, weil sie Hirn und Bauch gleichzeitig ansprechen.

Anfang der 80er Jahre wurde Fante von Benno Käsmayr und Carl Weissner mit Schützenhilfe von Charles Bukowski für Deutschland entdeckt. Nach nur einem Titel (Ich – Arturo Bandini) gab Käsmayr die weiteren Bücher an Karl. H. Mayer und Kurt Pohl weiter, die vier deutsche Erstausgaben auf den Markt brachten. Der große Durchbruch blieb aus, auch noch als anschliessend größere Verlage seine Bücher herausgaben. Fante blieb ein zuverlässiger Geheimtipp. Aber es gibt nicht viele Autoren, die einfach gut lesbar und immer irgendwie präsent sind.

Romanische Länder tun sich da mit der Emotionalität von Fante leichter: In Frankreich kommt gerade die Verfilmung von My Dog Stupid/Mon chien stupide in die Kinos. Charlotte Gainsbourg spielt die Hauptrolle, für Deutschland gibt es noch keinen Verleih (die story ist in West of Rome, MaroVerlag). Und in den italienischen Abruzzen findet jährlich im August mit il dio di mio padre ein Nachwuchs-Literaturfestival statt, das Fante gewidmet ist.

Bei uns ist John Fante für viele noch eine Entdeckung

Da ist eine gute Nachricht, dass der MaroVerlag in den letzten Monaten wieder einige seiner Bücher neu aufgelegt hat. Für Fans gibt es eine umfangreiche und sehr aufschlussreiche Autobiografie über John Fante. Wer den über 400 Seiten-Wälzer abkürzen will, kann die ausführlichen Fussnoten auf später schieben und nach persönlichen Interessen quer lesen. Wir erfahren in jedem Fall viel über Fantes Zerissenheiten: zwischen Italien und Amerika, zwischen der Unterhaltungsindustrie in Hollywood und dem Literaturbetrieb in New York, zwischen traditionellem Katholizismus und dem Hang zum Unmoralischen (ohnehin kein Widerspruch). Mit weniger Pech bei seinen Verlegern und Kritikern und mehr Fleiss beim Umsetzen seiner literarischen Ideen wäre mehr drin gewesen. (Stephen Cooper, Full of Life, € 29)

Jetzt neu übersetzt: Unter Brüdern

Am schnellsten wird man Fante-Fan mit seinem besten Roman Unter Brüdern, der alles hat, was Fante ausmacht: eine flüssige story, die zum Lachen und zum Weinen bringt. Um die Scheidung seiner betagten Eltern in letzter Sekunde zu verhindern, reist der erfolgreiche Schriftsteller Henry Molise in sein Heimatnest San Elmo, Colorado. Eine Reise zu Vater Nicola, aufgewachsen in der gnadenlosen Armut der Abruzzen, als Ehemann und Vater ein grandioser Tyrann, außer Haus ein guter Trinker und schlechter Verlierer. Und zu seiner Mutter Maria, die ihr Heil in Küche und Kirche sucht.

Widerwillig hilft der Sohn dem Vater bei einem letzten großen Vorhaben: einer Räucherkammer in den Bergen. Aber das Leben des Alten wird brüchig wie schlechter Mörtel. Am Ende sammelt Maria die Familie wieder um den Tisch, vereint bei Lammkeule mit Kräutern. Ungelöst bleibt die Frage „Wie kam Lippenstift auf Nicks Unterhose?“ Mit feiner Ironie führt er uns durch das Beziehungschaos einer Großfamilie und das Lebensgefühl italienischer Einwanderer. Unter Brüdern wärmt uns durch Herbst und Winter. (€ 18)

Ein Angebot für Fante-Fans und Sammler

Für Sammler gibt es einen Leckerbissen von Fante zu entdecken: aus dem Verlagsarchiv von Pohl’n’Mayer gibt es noch einige verlagsfrische Exemplare des story-Bands Eine Braut für Dino Rossi. In der Titelstory geht Guido Toscana, Jimmys tyrannischer Vater, auf Brautschau für seinen Freund Dino. Nicht ohne Eigeninteresse bringt er Coletta Drigo ins Spiel: „Mitten in Dinos enger Küche saßen sie um den kleinen Tisch und tranken Wein: Coletta, Dino und Papa. Coletta und Papa saßen mit ihren Stühlen dicht beieinander, Dino hielt sich etwas abseits. Neulich hatte sie schwarz getragen, heute war sie in weiß. Aber egal in welcher Farbe – sie wirkte immer wunderschön und nackt. Meine Kehle war wie zugeschnürt. Heiliger Strohsack! War die hübsch!“

Eine Braut für Dino Rossi hat ein sehr schönes Hardcover, die Umschlaggestaltung ist vom zu früh verstorbenen Walter Thielsch, Hamburg. Auch die Vorsätze sind bedruckt. Der Band enthält zusätzlich den ausführlichen Essay Als Italiener in Amerika von Wolfgang Rüger, Frankfurt. Ins Deutsche übertragen wurden die stories von Karl H. Mayer und Kurt Pohl. Die wenigen Restexemplare sind über booklooker oder direkt über das trooboox-Kontaktformular zu bestellen. (Sonderpreis € 10)

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