Kategorie: Lebensart | Lifestyle

Gönn deinen Büchern eine Bürstenmassage.

Bücher fesseln, unterhalten, informieren, lehren und sorgen für entspannte Stunden. Und sie sammeln Staub. Da bei großen Buchregalen Stauballergie droht, ist regelmässige Reinigung – in der Realität im besten Fall alle fünf Jahre – notwendig.

Nach Flug-Scham jetzt auch noch Staubsauger-Scham

Gängig ist das Absaugen mit der Polsterbürste mit all seinen schlechten Nebenwirkungen: Lärm, Energieverbrauch, Beschädigung der Schutzumschläge, Kampf mit den unterschiedlichen Buchformaten, Luftverwirblungen, Ärger mit dem Haustier und die Unlust, einen Staubsauger überhaupt zur Hand zu nehmen. Insgesamt also ökologischer und sozialer Unsinn. Auf der kürzlichen Suche nach einer Bürste gegen Hundehaare entdeckte ich eine Spezialbürste, um Lesestoff aufzufrischen.

Einfacher und sinnlicher Gebrauch

Bücher möglichst unter Frischluft am Fenster oder auf der Terrasse mit leichter Hand abbürsten. Zuerst komplett, dann – besonders bei wertvollen Sammlerstücken – Schutzumschlag vorsichtig entfernen und das Leinen bzw. Leder kräftig abbürsten, ebenso die Papierflächen und Buchschnitt. Die vorderen, kräftigen Borsten entfernen jeden Schmutz vom Buchrücken, die dahinter liegenden weichen Haare nehmen den Staub auf. Bürste hin und wieder an der Luft vom Staub befreien. Falls keine Frischluft vorhanden – über einem Gefäß bürsten, um den Staub zu sammeln.

Zusatznutzen: man kann podcasts, Hörbücher und Musik beim Arbeiten hören. Geht alles beim Staubsauger nicht.

Die Bücherbürste ist ein tolles tool und/oder ideales Geschenk für Sammler, Buchhändler, Bibliothekare und Antiquare. Bücher mit gelungener Rückenmassage bleiben frisch und laden zur Zweitlesung ein. Nebeneffekt: mit der Bücherbürste habe ich auch meine Notebook-Tastatur entstaubt. Sie ist also ein Hybrid!

Hinweis: ich bekam eine Testbürste gestellt (Danke!), weitere Zuwendungen seitens des Herstellers außer den Worten „gerne“ und „freundliche Grüße“ gab es nicht.

Buch müsste man sein. . .

Die Bürste funktioniert analog und digital

Die Bürste fühlt sich einfach gut an! Der Griff ist aus edlem, geöltem Birnbaumholz, liegt gut in der Hand, gebürstet wird mit Ziegenhaar und griffiger Borste. Der Hersteller empfiehlt eine gelegentliche Waschung der Spezialbürste mit einer milden Seifenlauge. Langsam an der Luft trocknen lassen und dann den Griff leicht einölen (empfehle Olivenöl aus erster Pressung). Eine feine Sache, die deine Beziehung zu Büchern stärkt.

Beim Hersteller endlich wieder lieferbar.

(c) Kurt Pohl 2022

Die schönsten Buchhandlungen der Welt erzählen ihre Geschichten.

Einer neuen Stadt kann man/frau sich unterschiedlich annähern. Freund Daniel Dubbe* geht zuerst in die beste Hotel-Bar am Platz, um interessante locals und Reisende zu treffen. Ich ziehe eine bunte Markthalle für Lebensmittel vor und sehe, was man vor Ort genießt. Immer passend ist aber der Besuch in den besten Inhaber-geführten (also unabhängigen) Buchhandlungen: wir sehen, was die Stadt bewegt und treffen Menschen mit Geschmack.

Diese Art von bookshops stellt uns das Buch  Do you read me? in aller Welt vor. Das ideale Thema für meinen ersten booxpost in 2022. Leider ist nicht jede der vorgestellten Buchhandlungen – weil weit entfernt – in die Urlaubsplanung zu integrieren. Beam me up to the next fine bookstore, Scotty.

Was macht eine gute Buchhandlung aus?

Die beste Buchhandlung ist sicher nicht die mit dem besten Oma-Käsekuchen oder dem breitesten Sortiment an netten Nutzlosigkeiten zum Verschenken. Eine wirklich gute Buchhandlung braucht eine angenehme Atmosphäre und sollte neben dem Mainstream auch individuelle Sortimentsteile bereithalten, die die Handschrift des Händlers, der Händlerin tragen. Dazu freuen wir uns auf kompetente und begeisternde Beratung – sofern gewünscht. . .

Im Wesentlichen bricht Do You Read Me? eine Lanze für den unabhängigen, also kettenbefreiten Buchhandel. Da ist es gut, wenn Deutschland und Österreich mit der Buchpreisbindung den Handel schützen.

Atemberaubend: der bookshop im 52. Stock.

Die vorgestellten Buchhandlungen sind nicht nur über die ganze Welt verstreut, sie sind auch sehr unterschiedlich in ihrem Charakter, ihren Zielgruppen und Ausrichtungen. Deshalb habe ich sie in drei Kategorien eingeteilt: 1. Kathedralen des Buchs, 2. die stylischen Trendsetter und 3. die originellen Typen der Branche. Zu den üppigen und musealen Hochaltaren der Buchkultur zählen die Livraria Lello in Porto und El Ateneo Gran Spendid in Buenos Aires – beide in renovierten Theatern mit entsprechendem Flair und kleinem Gigantismus eingerichtet. Das Carturesti Carusel in Bukarest befindet sich in einer klassizistischen Bankiersvilla und die Boekhandel Dominicanen in Maastricht bespielt eine umgewidmete gotische Kirche. Books over the Clouds in Shanghai ist da schon cooler und stylischer: die 60.000 Bücher und ihre Kunden in der 52. Etage des Shanghai Towers haben 239 Meter Stahlbeton unter sich und einen herrlichen Blick über Boomtown. Bei Wuguan Books in Kaohsiung/Taiwan gehen die Lichter für den Buchhandel aus, denn die Bücher werden im Dunkeln mit Spotlights präsentiert. Schauplatzwechsel Berlin: Die namensgebende Buchhandlung do you read me?! setzt auf schlichte Eleganz und hochwertige internationale Magazine.

Wenn ich könnte, würde ich zuerst die interessanten Typen besuchen. Yoshiyuki Morioka in Tokio in seinem Laden Morioka Shoten. Sein Konzept heißt „ein einziger Raum, ein einziges Buch“. Nach ein paar Wochen wird das Buchangebot gewechselt. Oder in Lagos Kunle Tejoso in seinem The Jazzhole. Er führt ein breites Angebot an neuen und gebrauchten Büchern und an Vinyl-Jazz. Leichter in die Reiseplanung dürfte ein Besuch bei FilBooks  in Istanbul passen. Inhaber Cemre Yesil Gönenlis präsentiert nicht nur Kunst- und Fotobücher, sondern auch – Ausnahme – seinen ganz speziellen Velvet Kuchen – whatever that is.

Letzten Herbst besuchte ich in die Libreria Acqua Alta in Venedig. Sie ist wie viele tolle Buchhandlungen dieser Welt auch Insta-Hotspot (schon um neun Uhr früh wird vor der Bücher-Gondel oder mit der Hauskatze fotografiert), aber solange man ein überraschendes Buch findet, ist alles gut. . . Ich entdeckte eine Biografie über Rio Reiser.

Und was hält Jeff Bezos vom unabhängigen Buchhandel?

Den Texten gelingt es nicht immer, die besondere Stimmung einer tollen Buchhandlung einzufangen  –  bei einigen Textpassagen leistet sich das Buch einen Move zum Hotelführer-Charme. Auch das Vorwort des Chefs der Frankfurter Buchmesse ist keine Überraschung, denn was außer einem Hohelied auf den Buchhandel soll Juergen Boos in diesem Liebhaber-Buch anstimmen? Spannender wäre es gewesen, wenn Jeff Bezos seine amazon-Sicht  dargestellt hätte. Großen Spaß macht dagegen der Text der britischen Buchhändlerin, Illustratorin und Autorin Jen Campbell. Sie entdeckt mobile und tiny bookshops wie eine Pferdebibliothek auf Java, die mit ihrem schmalen Sortiment von Dorf zu Dorf zieht und auch für die Leseförderung sorgt. Oder das Buchladentaxi in Teheran, denn auch während der Taxifahrt ist genügend Zeit zum Auswählen eines interessanten Buches. Gute Idee. Die Texte trüben zwar die B-Note, macht aber nichts, denn in Do You Read Me? gibt’s genügend zu entdecken.

Ein spannender Nebeneffekt des Buchs: es kann eine Motivations-Bibel für Existenzgründer (jeder Art) sein. Und das nicht nur für angehende Buchhändler. Immerhin gehören Buchhandlungen zu den essentiellen Nahversorgern, die ein Stadtviertel lebenswerter machen. Denn die beste Buchhandlung ist immer die um die Ecke. Ein liebenswertes Buch für Echt- und Traum-Reisende und für start-upper.

gestalten & Marianne Julia Strauss: Do You Read Me?, 272 Seiten, € 39,90| in deiner Lieblings-Buchhandlung

(c) 2022 Kurt Pohl

* Daniel Dubbe hat eine wunderbare Biografie über Erich Nossack geschrieben. Hier liest Dubbe eine Passage über Nossacks Doppelexistenz – tagsüber Kaufmann, nachts Künstler.

Buchmesse ’21: vom Warten auf die Currywurst und auf irgendeine Normalität.

Deutlich weniger Aussteller, COVID-bedingt limitierte Besucherzahlen, zaghafte Buchhändler und die einzige Warteschlange an der Currywurst Bude. Bei meinem Messerundgang am letzten Donnerstag wurde ich das Gefühl nicht los, dass die deutschen Publikumsverlage kneifen. Mutlos und nicht mal mit halber Kraft vertreten. Immerhin sind Kinderbuch-Verlage gut präsent. Sie arbeiten an der Zukunft des Buchmarkts, einige Belletristik-Verlage arbeiten in Frankfurt nicht einmal an der Gegenwart des Buchs. Es gibt (zu) viele Stände mit non books und wir entdecken wasserfeste Bücher für die Badewanne. Immerhin.

Back to Fränkfurt

Messechef Jürgen Boos markierte bei der Eröffnung: „Back to business, aber (noch) nicht back to normal“. Hat er uns verschwiegen, dass Normalität ein äusserst dynamischer Begriff ist? Natürlich lassen sich die spärlich besuchten Hallen mit der noch nicht überwundenen Pandemie erklären. Zum Planungszeitraum gab es noch weltweite lock downs, Impfanläufe, rechtliche Unsicherheiten und bis heute unterschiedliche internationale Reiseeinschränkungen. Dennoch vermisse ich bei den D/A/CH-Verlagen die Kreativität, mit dieser wagen Situation bei der Planung umzugehen. Frankfurt ist eine Standardübung für sie. Ich ringe um Luft: Messehallenluft ist an sich schon eine Herausforderung an die Atemwege, mit FFP2 wird’s nach Stunden zur Qual – so gut und sinnvoll ich die Maske finde! Eva Menasse trägt sie immerhin mit Verve. Diese Messe zeigt dramatisch, wie notwendig eine Neupositionierung der Messe ist.

Kanada macht Mut zur Literatur

Das Gastland Kanada hat diese Pandemie wirklich nicht verdient – zu schön und poetisch ist sein Pavillon: mit Kaskaden und Wellen von Wasser und Wäldern. Die Begegnungen mit kanadischen Autoren findet live und mit virtuellen 3D-Sequenzen statt. Mutig, beeindruckend und zu schade, um wieder abgebaut zu werden.

Afghanistan trägt Trauer, Russland macht auf Disko

Aausländische Verlage mit Gemeinschaftsständen sind immerhin gut vertreten: Litauen und Estland mit pfiffig eleganten Messeständen, Afghanistan trägt Trauer mit einem leeren Messestand ohne Bücher. Nur die Russen lasse ich links liegen: sie vermiesen uns für den Winter unsere Gasrechnung. . . der Stand sieht aus wie eine Berliner Russendisko der Nuller Jahre.

Klassische high quality Verlage wie Schirmer und Mosel und gestalten finde ich nur zufällig in der internationalen Halle, abseits in kleinen Kojen, als „workstations“ gebranded. Ein paar Bücher schmöker-abwehrend an der Rückwand verstaut, davor auf 5 m² ein nackter Tisch mit Stühlen. Hier wird nicht gelesen, hier wird business gemacht. Lothar Schirmer, einer der markantesten Verleger und Verlage, unterhält bei dieser Messe nicht wie bisher launig und dauersitzend in Mitten der großen Kunstbuch-Halle seine Gäste. Und bei gestalten freue ich mich auf die Neuerscheinung „What a wedding!“, über die ich in den nächsten Wochen posten möchte – leider nicht dabei gesteht die freundliche Mitarbeiterin. . . Der mit seinen Verlagsvertretungen umtriebige Mario Max meint lakonisch, „man müsse sich am Abend die Messe schön trinken“ – eigentlich müsste schon mittags damit anfangen.

Eigentlich wollte ich „meine“ Verlage für culture books besuchen: Kunst, Fotografie, Reisen und Lifestyle von gestalten, Hatje Cantz, Kehrer, Reprodukt, avant, Knesebeck und andere. Für eine Preview über Neuerscheinungen Herbst/Winter und damit eine quick and dirty-Vorschau auf meine trooboox-posts der nächsten Monate. Schnelle Fotos, flotte Kurzkritiken. Aber fast keine Verlage da.

Buchmesse, Verleger, Handel und Medien müssen hybride Ideen für einen neuen Marktplatz entwickeln. Ausser mit Leipzig ist – auch digital – noch kein Event vorhanden, der sich kommunikativer Stärke nur annähernd mit der „alten“ Buchmesse messen kann. Einen Buchtitel für diese neue Messe hätten wir schon: vom Suchen und Finden der neuen Normalität.

(c) Kurt Pohl 2021