Kategorie: Lebensart | Lifestyle

Dreissig Kerzen für deinen game boy! Und ein 8-bit-Geburtstags-Ständchen.

Im April 1989 wurden in Japan die ersten Gemu Bois verkauft. Dreissig Jahre später gibt es einen guten Grund seine digitale Kindheit mit game boy, Super Mario und dem russischen Spiel Tetris hervor zu kramen. „The Nostalgia Nerd’s Retro Tech – Computers, Consoles & Games“ zeigt uns die zu ihrer Zeit besten Systeme von Atari bis Xbox.

Als „Nostalgia Nerd“ sammelt der Autor Peter Leigh seit Jahren Retro-Konsolen und -Computer für seinen erfolgreichen YouTube Kanal. Jetzt stellte er die digitale Sammlung in einem Buch zusammen. Reich bebildert zeigt es, dass computer gaming für den Hausgebrauch schon in den siebziger Jahren verfügbar war, z.B. mit dem 4KB Apple II von 1977. Das englischsprachige Buch erinnert an die unterschiedlichsten Gerätetypen samt der jeweiligen „must plays“ und „must avoids“. Die hohe Zeit der Computer games waren die 80er und 90er Jahre mit einem Feuerwerk an Neuentwicklungen.

Der game boy war so frech und nahm die Mobilität der smart phones vorweg. Überall und zu jeder Gelegenheit spielen: auf dem Autorücksitz, beim Besuch bei Tante Hilde und unter der Schulbank. Technische Limitierung nervte noch nicht und Streaming war Lichtjahre entfernt. Erst die Nullerjahre mit den neuen spielerischen smart phone-apps läutete das Runden-Ende für Konsolen der ersten Generationen ein.

Wir haben uns einfach daran gewöhnt, uns in immer kürzeren Abständen mit der jeweils besten smart Technik zu optimieren. Retro Tech ruft uns den Reiz der Limitierung in Erinnerung zurück. Nicht alles ist möglich. Ein netter Ausflug in die Welt der kaum erkennbaren Pixel-Haufen und der sparsamen 8-bit-sounds. Less can be more, zumindest für einen Schmökernachmittag.

The Nostalgia Nerd’s RETRO TECH – Computers, Consoles & Games,  € 16,50 | in deiner Lieblingsbuchhandlung

Auge schlägt Hirn: wie uns “fake views“ täuschen und wie Andy Warhol ins Möbelhaus kommt.

Ein sehr schönes Buch verrät uns, wie Täuschungen entstehen und warum wir auf Illusionisten herein fallen? Unsere  Augen nehmen schneller Informationen auf, als unser Gehirn abarbeiten kann. Es ist also kein Zufall, dass uns viele Deckengemälde barocker Kirchen paradiesisch täuschen. München hatte, Aachen freut sich auf eine lehrreiche und amüsante Ausstellung: „Lust der Täuschung – Von antiker Kunst bis zu Virtual Reality“. Gezeigt werden Exponate aus Malerei, Skulptur, Architektur, Design, Mode und digitaler Kunst. Alle Stücke haben eines gemeinsam: wir werden beim Betrachten optisch getäuscht.

Schön, dass es ein spannendes Buch mit demselben Titel zur Ausstellung gibt. Die Exponate werden nicht nur ausführlich dargestellt, sondern du erfährst auch viel über das Wesen der Täuschung, über die Perfektion und Professionalität der Täuscher und aus neurowissenschaftlicher Sicht. Das Wortspiel „fake views“  im Vorwort ist einfach genial, ich hänge mich gerne daran, denn es zeigt die Aktualität des Themas. Das nicht weniger aktuelle Thema virtual reality  (ein wichtiger Teil der Ausstellung) ist naturgemäß auf Papier begrenzt darstellbar und im Buch sparsam vertreten. Aber ist VR nicht ohnehin zweite Realität statt bloße Täuschung?

Das Buch ist alles andere als ein dröger Katalog mit einer Nummernrevue der Exponate! Eine sehr gute Übung, nicht mehr auf alle Tricks unserer visuellen Welten herein zu fallen. Wer die Ausstellung besucht, sollte das umfangreiche Buch unbedingt vorher lesen. Wer nicht hin geht hat Unterhaltung und viele Informationen für lange Winterabende. Zusatznutzen: das Buch ist familienkompatibel mit einem leichten Blick auf nicht allzu schwere Kunst. Und die Sache mit Warhol? Achte mal drauf, wie viele Andy Warhol- und Keith Hearing-fakes für € 9,99 in Möbelhäusern und Geschenkboutiquen hängen.

Lust der Täuschung – Von antiker Kunst bis Virtual Reality, € 39,90 | [Anzeige] in deiner Buchhandlung oder hier   oder hier.

„Ja twoi rabotnik“. Ein Buch über die Roboter des deutschen Pop und ihre Musik: KRAFTWERK.

Die gute Nachricht zuerst: das Buch ist so umfangreich und informativ, dass du es nicht in einem Sitz lesen musst. Man muss für MENSCH MASCHINEN MUSIK auch kein hardcore-fan von Kraftwerk sein. Das vom Kulturwissenschaftler und –journalisten Uwe Schütte herausgegebene Buch ist sehr detailliert zusammengestellt und zeigt praktisch alle Aspekte des Gesamtkunstwerks KRAFTWERK. Da bleibt nichts mehr offen.

Schließlich ist die Musik der Band ein bisschen speziell, aber das beste und nachhaltigste, was Deutschland an Pop exportieren konnte.  Durch die aktuellen Remixes ist KRAFTWERK hörbarer für nicht-electronic-fans geworden: Das Klingklang-Grundmotiv von Tour de France geht dir nicht mehr aus dem Kopf, Neonlicht ist eine zeitlose Ballade, Trans Europa Express hat techno-beats und Das Modell wird schon mal in Wies’n-Zelten konzertiert. Im Mai 2014 konnte ich KRAFTWERK im Wiener Burgtheater sehen und hören: vier ältere Herren in einer Art Neoprenanzug zwar relativ bewegungslos hinter laptops, aber mit packender Musik und beeindruckenden dreidimensionalen Video- und Laserclips. Die Symbolik der Band war auch am outfit des weitangereisten Publikums zu erkennen. Was für ein Kontrast zur plüschigen Wandteppich-Anmutung der Burg.

Als Gesamtkunstwerk ist KRAFTWERK  aufgeladen mit Symbolik, Mythen und Zeichen: viele Ebenen wechseln zwischen Musik, bildender Kunst, Performance, Video. KRAFTWERK pflegt Retro-Futurismus, die Kombination aus zwei entgegengesetzten Richtungen: die Zukunft wird aus der Vergangenheit heraus betrachtet. Deshalb auch die vielen Anleihen bei  Bauhaus und der Glaube an Roboter-Gehilfen aus  der Welt von Zukunftsromanen und –filmen der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Mit etwas eckiger Ironie zu Mechanik und ohne Fragen zur künstlichen Intelligenz.

Das Buch  ist eine sehr abwechslungsreiche Zeitreise, die nicht nur die einzelnen Alben von Autobahn bis Electric Café reflektiert, sondern sich ausführlich mit ihren frühen „Krautrock“-Jahren der Pre-Roboterzeit, ihren Einflüssen auf die britische und US-amerikanische Popmusik und  ihrem für eine deutsche Band ungewöhnlichen internationalen Durchbruch beschäftigt. Dazu gibt werden seltene Interviews widergegeben und die aktuelle Präsenz in der weltweiten Kunstszene: KRAFTWERK als visionäres, audiovisuelles Kunstprojekt, das in Museen ebenso wie in  Konzerthallen begeistert. Ich erinnere mich an den beeindruckenden Start ihrer 3D-Performance im Kunstbau des Lehnbachhauses München in 2011.

Das Buch erschlägt einen fast durch die akademischen Leidenschaft, eine gründliche Arbeit abzuliefern. Durch die wissenschaftliche Optik (reich an Fußnoten,  arm an Bildern) wirkt das Buch hin und wieder sperrig wie manche Kraftwerk-songs. Trotzdem lesen! KRAFTWERK ist ein Monument des Pop.

Uwe Schütte (Hrsg.) MENSCH MASCHINEN MUSIK, € 24,90 | [Anzeige]in deiner Buchhandlung oder bei   oder hier.