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90 Minuten Wald am Wörthersee. Eintritt frei.

Das Wörthersee Stadion in Klagenfurt hatte bisher wenig zu lachen. Zur Fussball-EM 2008 für 66,5 Mio € und drei Vorrundenspiele erbaut, ist es für den Zweitligisten SK Austria Klagenfurt mit 30.000 Plätzen überdimensioniert. Nicht nur über die Finanzierung legte sich damals der schwere Schatten des damaligen Landeshauptmanns (= Ministerpräsident) Jörg Haider. Das Stadion sah immerhin die 1:2-Niederlage Deutschlands gegen Kroatien, die 0:1 Niederlage Österreichs gegen das deutsche Team blieb dem Stadion erspart. Diese war den Wienern vorbehalten. Zur Zeit sieht man im Wörthersee Stadion den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Bis Ende Oktober ist die temporäre Kunstintervention FOR FOREST – „Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur“ von Klaus Littmann zu sehen. Der in Basel lebende Beuys-Schüler Littmann ist auf Kunstprojekte der Alltagskultur im öffentlichen Raum spezialisiert. Grundlage für diese Intervention war eine Bleistiftzeichnung des österreichischen Künstlers Max Peintner (*1937) aus den Jahren 1970/71. Die Zeichnung zeigt den Wald als urbanes Ausstellungsstück.

Bereits 2013 konzipiert, trifft die Aktion den Nerv der Zeit: in Sibirien und Brasilien wird thermisch abgeholzt, in Rumänien werden mehr Bäume als zulässig geschlagen, bei uns sterben wieder reihenweise Bäume durch Monokultur, Trockenheit und Schädlinge. Aktionen, Proteste und Bewegungen zur Umkehr beim Klimawandel beeinflussen unser politisches und ökonomisches Klima.

In Klagenfurt ist von den Zuschauertribünen aus auf dem Spielfeld ein Mischwald zu sehen oder vielmehr ein Ensemble aus 299 Bäumen. Denn auch ein prominenter Landschaftsarchitekt wie der Schweizer Enzo Enea kann nur ein Bild eines Waldes gestalten. Nur der Wald kann einen Wald formen. Dem reality check hält der Stadion-Wald nicht ganz stand: der Waldboden ist ordentlich mit maschinell gehäckseltem Rindenmulch bedeckt, die Waldränder mit perfekten Gärtnereifarnen und -gräsern umfasst. Buschwerk steht ordentlich zwischen Birken, Erlen, Buchen, Ahornen und Eichen. Wenn Kunst die Wirklichkeit abbildet, ist immer auch Täuschung im Spiel. Über Kunst und ihre „fake views“ siehe auch Die Lust der Täuschung.

Die Anreise nach Klagenfurt (möglichst per Bahn) lohnt sich doppelt. Alles, was uns die kritische Klimasituation vor Augen führt ist mehr als sinnvoll. Gut wäre ergänzend folgende Aktion gewesen: 25.000 Waldfans mit Schals (gibt’s im Fanshop im Stadion!), Fahnen und Bengalos feiern neunzig Minuten den Wald mit live-Übertragung. Die negative Utopie eines Waldes als Ausstellungsstück hilft der Diskussion und hinterlässt auch in der Nordkurve Eindruck. Das ist die eine positive Seite der Aktion. Und andererseits fahren wir durch den Waldreichtum Kärntens und der Steiermark. Wir geniessen dichte und unendliche Tannen- und Mischwälder, sicher voller Waldtieren, Pilzen, Beeren, Totholz und unordentlichem Naturchaos. Die Reise unterbrechen, aussteigen und zur Verlängerung durch den Wald streifen. Den echten.

FOR FOREST Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur | bis 27. Oktober 2019

Leben „to go“: die besten Fotos liegen auf der Straße.

Bis 16.Februar sind die besten Straßenfotografien im Kunst Haus Wien versammelt. Keine Zeit für die Ausstellung? Nicht weiter schlimm!  Das Buch zur Ausstellung Street.Life.Photography bleibt und zeigt neben Stars des Genres wie Martin Parr, Robert Frank, Lee Friedlander und Diane Arbus auch jüngere Fachkräfte wie der Deutsche Siegfried Hansen und Maciej Dakowicz, der v.a. in Asien arbeitet.

Straßenfotografie ist das Road Movie unter den Fotografie-Genres und hat ihren besonderen Reiz: kein Studio, knappes Budget, kein oder wenig künstliches Licht, keine Zeit für langwierige Inszenierung, stattdessen Konzentration auf den Augenblick und auf Zufälle. Das Studio ist der öffentliche Raum. Oft entstehen darin subjektive Schnellschüsse von Alltagsszenen und eindrucksvolle Porträts.  Das Buch mit knapp 200 schwarz-weiss- und Farbfotos aus den letzten 70 Jahren gliedert die Fotografien in Sektionen wie Public Transport, Street Life, Urban Space, Anonymity und andere.  Sie zeigen Strassenszenen, die all unsere  Lebenslagen abbilden:  Eitelkeit, Bewegung, Essen, Sex, Stillstand, Sport und Spiel, Warten, Architektur, Politik, Frust, Einsamkeit und auch Langeweile. Auf dieser Bühne sind wir gleichzeitig Zuschauer und Akteure, oft unfreiwillig, manchmal voyeuristisch.

(c) Siegfried Hansen

Einiges im Buch erinnert an Szenen, die wir so oder ähnlich selbst schon erlebt, aber nicht wahrgenommen haben. Zufälle, die wie eine Inszenierung wirken. Es ist nicht ganz billig, dafür schön gemacht und mit einer umfassenden Auswahl. Darin schmökern deine Gäste bis der Risotto fertig ist. Lass dir ruhig Zeit mit der Zubereitung. Den richtigen sound dazu liefert immer noch Randy Crawford.

Street. Life. Photography,  € 49,90 | [Anzeige] in deiner Buchhandlung oder bei oder hier.

William Turner – mach aus einem Alten Meister einen jungen.

Cees Nooteboom führt uns durch eine überraschende Ausstellung im Buch.

Wenn ich mir den Maler J. M. William Turner vorstelle, sehe ich eine düstere Seeschlacht an der Wand, davor schwere Ledersessel in einem englischen Adelsclub. Eher dekorativ. In seinem Biopic Meister des Lichts hastet ein exzentrischer Gnom mit Mal-Utensilien durch eine Musical-Kulisse, die das London Anfang des 19. Jahrhunderts darstellt. Eher skurril.

Noch bis Mitte Oktober ist im Kunstmuseum Luzern eine Ausstellung mit dem Titel Das Meer und die Alpen zu sehen. Unter dem gleichen Titel ist ein umfassender Begleitband erschienen. Das Buch bringt nicht nur die Exponate in unser Umfeld, sondern enthält neben den unvermeidlichen Grussworten auch Informatives zu Turner und seinen Reisen. Joseph Mailord William Turner (1775 – 1851) war der bedeutendste Vertreter der britischen Romantik. Neben seinen populären Gemälden schuf er auch eine Unzahl von Aquarellen und Zeichnungen. Seinen Durchbruch erreichte Turner mit meist düsteren und dramatischen Meeresbildern. In seinem Spätwerk reduzierte Turner seine Naturopulenz und wurde damit zu einem Vorläufer der Impressionisten. Anfang des 19. Jahrhunderts nutzte Turner die politische Entspannung durch Friedensverträge in Europa zu ausgedehnten Motiv-Reisen. Er war ausgesprochen gern unterwegs, mit Pferdekutschen und Schiffen.

Cees Nooteboom führt uns durch das Buch

Kunstbücher werden leicht zu Leichen im Regal, wenn sie nur eine statische Abfolge ausgestellter Werke bieten. In diesem Fall ist es Cees Nooteboom in seinem Essay zu verdanken, einige Turner-Bilder aus besonderer Perspektive zu betrachten. Nooteboom macht dabei den Wandel Tuners von Düsternis zum schemenhaft Leichten deutlich: „Ich betrachte noch einmal [das Bild] Strand und Segelboot. Da ist er siebzig. Was ist darauf zu sehen? Fast nichts. Wie lange dauert es, bis es einem gelingt, fast nichts zu malen?“ Die Übersetzung von Nootebooms Text ist holprig, der Reiz seiner Sprache geht in weiten Strecken leider verloren. Aber er lenkt unseren Blick auf überraschende, wenig bekannte Bilder.

Turner war Schweiz-Fan

Ergänzend findet sich im Buch auch eine Karte mit Tuners Reisewegen durch die Schweiz. Zwischen 1802 und 1844 war er sechsmal in der Schweiz unterwegs. Interessant wäre die Antwort auf die Frage, warum er der Schweiz vor Frankreich den Vorzug gab. Was suchte er so intensiv, nahm die Mühen der Reisen auf sich? Sicher faszinierte ihn die Erhabenheit der Alpen, die Blick und Bewegungsfreiheit begrenzten. Nicht wie die Unendlichkeit des Meeres. Aber wie das Meer bieten die Berge Licht- und Wetterphänomene, die seine Kreativität forderten. Dazu passt der sehr informative Beitrag über den Einfluss der jeweiligen Wettersituation auf die in der Schweiz entstandenen Bilder Turners. Die schnellen, oft dramatischen Wetterwechsel und der imposante, nahtlose Übergang von Himmel und Erde müssen ihn fasziniert haben.

Wer immer wieder neue Bilder entdecken möchte, lässt am besten das Buch eine Zeit lang mit wechselnden Seiten aufgeschlagen liegen. Der Band enthält Beispiele aus allen Perioden, bietet einen guten Überblick über sein Werk. Aus den Gegensätzen von Meer und Alpen entsteht ein ganz eigener Reiz. Mir persönlich gefallen seine in Rot- und Brauntönen gehaltenen Radierungen und Aquarelle am besten. Sie wirken wie story boards von mysteriösen graphic novels und erzählen sich selbst weiter. Ziemlich aktuell also, der Junge Meister Tuner.

Hrsg. Kunstmuseum Luzern, Turner – Das Meer und die Alpen | € 34,90

Hirmer Verlag

Neugierig machen auch die gleichzeitig erschienen Skizzenbücher:

David Blayney Brown: J.M.W. Turner – Wolken. Das Skizzenbuch Skies

Hrsg. David Blayney Brown: J.M.W. Turner – Luzerner Skizzenbuch

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