Kategorie: Graphic Novels | Comics

Ein Hochhaus in der Lindenstrasse

Die Schulzes von nebenan: Lebensgeschichten auf 102 Etagen. Hochhäuser sind – so fern sie wohnlich und nicht als stupide Büros genutzt werden – ein besonderer Mikrokosmos. Ähnlich wie Menschen im Hotel bieten sie genügend Geschichten mitten aus dem privaten, sozialen und politischen Leben. Betrogene Partner, vernachlässigte Rentner, schwer erziehbare Kinder, skurile singles und durch geknallte Wohngemeinschaften erzählen in jeder Etage eine eigene short short story, mal als humoriger Cartoon, mal als nachhaltiger Comic strip. Als studierte Architektin weiß die Berliner Künstlerin Katharina Greve, wie wichtig die Statik beim Bau ist: immer wieder verwebt sie Geschichten mit anderen Etagen und Menschen und gibt dem Turmbau Stabilität, denn alles passiert gleichzeitig. Alles wie eine Kurzfassung der Lindenstrasse, nur wesentlich kompakter und vor allem lustiger.

Medial wurde Greve am 11. Februar 2013 berühmt: Ihr Cartoon-Beitrag zu einem Abreisskalender am Vortag zeigt Papst Benedikt mit den Worten „Morgen trete ich zurück.“ Wie wahr. Das Hochhaus ist im Herbst 2015 als Internetserie  gestartet und nun als echtes Buch zum Blättern gelandet – ein toller Baufortschritt!

Katharina Greve, Das Hochhaus, € 20 | click.

Herrliche Strandlektüre

Im letzten Jahr meine Lieblings-Urlaubs-Lektüre. In diesem Jahr meine Lieblings-Urlaubsvorfreude-Lektüre: Der Sommer am Strand ist in Frankreich seit Brigitte Bardot, Louis de Funès St.Tropez-Filmen, den Ferien des Monsieur Hulot und des kleinen Nick ein Ereignis von nationalem Interesse.  Der Comic Rein in die Fluten besteht aus mosaikartig gelegten Geschichten und beginnt mit dem wichtigsten Teil des Urlaubs: der Anfahrt. Stress, Ungeduld, Hektik treffen auf die Vorfeude auf Erholung und Abenteuer jeglicher Art. Dazu würzen Peinlichkeiten, kleine Gehässigkeiten und Malheure den Urlaub der auftretenden Typen und Stereotypen. Quängelnde Kinder, überforderte Eltern, sich nervende ältere Herrschaften und die permanente Beobachtung durch andere. Immer wieder lesen, immer wieder etwas entdecken.

David Prudhomme, Pascal Rabaté, Rein in die Fluten, € 24  |  click.

Birgit lässt alles hinter sich.

Leben. Das ist die Zeit, bis sich dein Bildschirmschoner einstellt. Und hier links, das ist die NEUE Vorgesetzte von Birgit. Ohne Augen, aber mit durchdringendem Blick, mit neuen Ideen wird sie den Büroalltag der langgedienten Verwaltungsangestellten durcheinander wirbeln. Birgit könnte Probandin einer Studie der Universität Oxford sein: Dienst nach Vorschrift ist nicht unbedingt weniger effektiv, aber meistens gesünder. Max Baitinger zeichnet den stupiden Büroalltag in seinem Comic „Birgit“ aus der Zeit vor der digitalen Bürowelt. Bevor viele Mitarbeiter zum vernetzten Arbeitsinventar mutierteten.  Dementsprechend sind Baitingers Zeichnungen wie Schaltpläne der elektrifizierten Analogwelt. Streng geometrisch, mit hoher Präzision und reduziert. Auch bei den Druckfarben beschränkt er sich: Schwarz und drei reine Buntfarben genügen, der Eintönigkeit     des Wiederkehrenden eine eindrucksvolle Optik zu geben. Aber, Arbeitsinventar sammelt keine Urlaubspostkarten und giesst keine langweiligen Zimmerpflanzen. Leben – das ist das was kommt, nachdem Birgit ihre sieben Sachen gepackt hat und einfach geht.

Birgit, € 12 | click.